Donnerstag, 11. September 2008

Blogger in Marokko muss zwei Jahre einsitzen

Mohamed Erraji hat sich den Ramadan anders vorgestellt. Statt den Fastenmonat im Kreis seiner Familie zu verbringen, wurde er verhaftet. Zwei Jahre muss der 32-Jährige jetzt ins Gefängnis. In einem Blog hatte er die Wohltätigkeitspolitik des marokkanischen Regenten aufs Korn genommen.

Wegen eines Artikels im Internetmagazin „Hespress“ war der Journalist Mohamed Erraji in einem ersten Schnellverfahren zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet 430 Euro verurteilt worden. „Das Gerichtsverfahren dauerte nur zehn Minuten“, berichtete einer der Verwandten des verurteilten Bloggers. Reporter ohne Grenzen (ROG) nannte den Prozess „unfair“, einen „großen Rückschritt für das Königreich“ und forderte die sofortige Freilassung. „Die Behörden benutzen Mohamed Erraji als abschreckendes Beispiel, um andere Blogger davon abzuhalten, den König im Internet zu kritisieren.“

Der Korrespondent von „Hespress“ in Agadir hatte in einem Webartikel die Wohltätigkeitspolitik des marokkanischen Regenten Mohammed VI. aufs Korn genommen. Insbesondere eine Praxis, die in Marokko unter dem Namen Grima bestens bekannt ist. Mit Bittgesuchen an den König kann man die üblichen hohen bürokratischen Hürden, zum Beispiel bei einer Firmenneugründung, umgehen. Dieses System von Bettelei sei gegen die Würde der Menschen und würde Faulheit fördern, so Mohamed Erraji. In entwickelten Ländern gäbe es das nicht, dort belohne man harte Arbeit und nicht Bettelei. „Wir sollten unseren Traum eines Marokkos der Gleichheit und der gleichen Möglichkeiten auf die Regentschaft von Mohammed VII. verschieben“, empfahl der Internetjournalist seinen Lesern.

Im Vergleich zur Kritik anderer marokkanischer Publikationen, wie etwa der Wochenzeitung „TelQuel“, sind die Worte des Bloggers harmlos und passen sehr gut zum Niveau der populistischen „Hespress“, die es mit den Fakten manchmal nicht so genau nimmt. Die Verhaftung Mohamed Errajis basiert zwar auf dem marokkanischen Pressegesetz, das Kritik am Königshaus untersagt, ist jedoch eher dem Übereifer von Polizeivertretern denn einer systematischen Verfolgung von Bloggern zu verdanken. „Alte Schreibtischtäter“ aus der Zeit Hassans II., nannte ein marokkanischer Blog die wahren Schuldigen.

30.000 Blogs in Marokko

Mohamed Erraji ist der zweite Blogger Marokkos, der bisher verurteilt wurde. Die Blogszene gilt ansonsten als Vorbild für andere arabische Länder. In Marokko werden rund 30.000 Blogs publiziert. Im Nachbarstaat Algerien sind es dagegen nur etwa 6000, in Tunesien kaum einmal 1000. „Eine Art Schule der Demokratie“, nennt der bekannte marokkanische Blogger Larbi al-Halili die unabhängigen Webseiten im Internet. „Sie übernehmen die Arbeit, die in den arabischen Medien oder auch nationalen Parlamenten nicht geleistet wird.“
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Die Verurteilung Mohamed Errajis dürfte für die Szene allerdings ein erneuter Warnschuss vor den Bug sein. Im Februar dieses Jahres war bereits Fouad Mourtada, ein 26-jährigen IT-Ingenieur, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte die Identität eines marokkanischen Prinzen auf der Internetseite Facebook fingiert. Am Ende begnadigte ihn aber Mohammed VI. Auch im Fall von Mohamed Erraji wird auf den marokkanischen Blogs bereits über ein neues Happy End durch königliche Hand spekuliert. Das Ende des heiligen Fastenmonats Ramadan mit dem Fest Eid al-Fitr wäre eine gute Gelegenheit für eine herrschaftliche Geste. An diesem Termin reduziert der König traditionell Gefängnisstrafen oder begnadigt Verurteilte. Mohamed Erraji hatte mit seiner Strafe von zwei Jahren ohnehin bereits Glück im Unglück. Die Mindeststrafe für Königsbeleidigung liegt bei sechs Monaten, maximal können drei Jahre fällig werden. Offensichtlich hatte der Richter bereits Zweifel am Verfahren, als er ein Jahr weniger als vorgeschrieben festsetzte. Damit bleibt für die zweite Verhandlung, in der erst das endgültige Urteil gefällt wird, alles offen.

Montag, 8. September 2008

Rückzug aus Resignation

Ob beim Friseur oder im Basar, in Damaskus, Beirut oder Rabat - wo immer man nach Muammar al-Gaddafi fragt, wird der Finger unter die Nase gehalten und das Schnupfen eines Kokainsüchtigen simuliert. Was der Mann von der Straße dem libyschen Revolutionsführer unterstellt, würde seinen unausgeschlafenen Eindruck sowie seine Unberechenbarkeit erklären. Anfang August stoppte Gaddafi alle Öllieferungen an die Schweiz, nachdem dort einer seiner sechs Söhne wegen Misshandlung der eigenen Angestellten verhaftet worden war. Schweizer Firmen in Libyen, inklusive Nestlé, wurden geschlossen, zwei Schweizer Staatsbürger verhaftet.

Für Muammar Gaddafi ist das alles business as usual, schließlich diktiert er die Rechtsstaatlichkeit. Politisch Andersdenkende werden verfolgt, unliebsame Presseberichte bestraft und unabhängige Nichtregierungsorganisationen nicht zugelassen. Punkte, die Seif al-Islam Gaddafi, der zweitgeborene und politisch engagierte Sohn des Revolutionsführers - im Gegensatz zu vielen anderen Libyern - ungestraft kritisierte. Vergangene Woche hielt er in Sebah, einer Wüstensiedlung im Süden des Landes, eine seiner kritischen live im Fernsehen übertragenen Reden. Seif al-Islam forderte bessere Lebensbedingungen für die Bevölkerung, den Aufbau der nicht existenten Zivilgesellschaft, eine rechtschaffene Justiz und eine freie Presse. Obwohl es wie eine Wahlkampfrede klang, verkündete der 36-Jährige im Anschluss seinen Rückzug aus der Politik. "Ich habe beschlossen, mich nicht länger in Staatsangelegenheiten einzumischen", sagte der Junior, mit dem der Westen als willkommenem Nachfolger Muammars liebäugelt. Schließlich führte Seif al-Islam sein Land aus der Totalisolation zurück in die internationale Staatengemeinschaft: Die Aufgabe des libyschen Massenvernichtungswaffenprogramms, das Schuldbekenntnis für den Anschlag auf das US-Flugzeug über dem schottischen Lockerbie 1988 und die Freilassung der sechs bulgarischen Ärzte, die wegen HIV-Infizierung von Kindern vor Gericht standen, sollen auf Initiative von Seif al-Islam zustande gekommen sein. "Ich habe mein Programm durchgesetzt, für mich gibt es keine großen Kämpfe mehr zu führen", erklärte er vor Tausenden jubelnden Menschen.

Mahmud Bousiffi, Redakteur zweier Zeitungen im Besitz von Seif al-Islam, interpretierte die Aussagen seines Chefs als Zeichen der "Frustration". Die libysche Bürokratie verlangsame seine Reformen. "Er ist jung und hoffte, sehr schnell große Fortschritte zu machen", meint der Redakteur, sei dabei aber auf unerwartete bürokratische Hindernisse gestoßen.

Gaddafi junior hatte in einer Rede im August 2006 von Problemen mit "Mafia und Gaunern" gesprochen. Gemeint hatte er den Apparat der Staatsbeamten, die sich durch Korruption bereicherten und normale Libyer über das Vehikel der Presse und der Justiz tyrannisierten. "Das Volk wird gefangen gehalten und gequält im Namen des Volkes", sagte Seif al-Islam in dieser ebenfalls live übertragenen Rede. Es bestehe eine unheilige Ehe zwischen den Vollgefressenen im Staat und den Technokraten. Offensichtlich machte Seif al-Islam damals seinem Ärger Luft. Wenige Monate zuvor war sein liberaler Bündnispartner, Choukri Mohammed Ghanem, als Premierminister vom libyschen Kongress abgewählt worden.

Vater Gaddafi hatte für die öffentliche Kritik nur wenig Verständnis. In einer Gegenfernsehansprache versuchte er, dem aufmüpfigen Sohn die Flügel zu stutzen, verteidigte die libysche Revolution von 1969 und ihre Werte. Mit der Revolution sei die Macht für das Volk gesichert worden, erklärte Gaddafi senior, und "wir werden niemandem erlauben, sie dem Volk zu stehlen". Eine deutliche Warnung an den Sohn, den, wenn auch dehnbareren Bogen, nicht zu überspannen. Erst jetzt zog Seif al-Islam offenbar die Konsequenzen.

Seit der Öffnung Libyens, die offiziell 2004 mit dem Besuch des ehemaligen britischen Premiers Tony Blair begann, war Seif al-Islam der verlässliche Verhandlungspartner des Westens. Er sicherte Milliarden Dollar Entwicklungshilfe aus den USA und Handelsabkommen mit Frankreich und Italien. Zudem wurden Konzessionen an internationale Ölkonzerne vergeben, die das größte Ölvorkommen des afrikanischen Kontinents ausbeuten. Nur deswegen kann Libyen heute täglich zwei Millionen Barrel fördern, 700 000 mehr als noch im Jahr 2003. Entwicklungen, die ohne das politische Engagement von Seif al-Islam Gaddafi nicht möglich gewesen wären. Die ihm verhasste "Mafia von Gaunern und Agenten" erfreut sich derweil über das stetige ökonomische Wachstum, ohne aber die Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit voranzubringen. In Libyen läuft es eben nicht anders als in Marokko oder der sozialistischen Volksrepublik Syrien. Ein seit Jahrzehnten gewachsenes System von Machteliten gibt seine lang erarbeiteten Privilegien nicht von heute auf morgen auf. Auch nicht für die Söhne der Diktatoren oder Könige.

Freitag, 22. August 2008

Anschlagsserie in Algerien - Al-Qaida im Maghreb wächst

Für Algerien entwickelt sich der Urlaubsmonat August zu einem Blutbad. Weniger als 24 Stunden nach dem Anschlag auf eine Polizeiakademie, bei dem 44 Rekruten starben, sprengten am Mittwoch erneut zwei Selbstmordattentäter ihre mit Sprengstoff beladenen Autos und töteten dabei elf Menschen. Die Anschläge kamen keineswegs überraschend. In den vergangenen drei Wochen hatte es bereits vier Überfälle auf Polizeistationen und Militärpatrouillen gegeben, bei denen mindestens 20 Menschen ums Leben kamen und 50 verletzt wurden. Hintergrund ist der Versuch der algerischen Behörden, der al-Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim) den entscheidenden militärischen Schlag zu versetzen. 2007 hatte man 1100 Terroristen verhaftet oder getötet. Hauptaugenmerk gilt nun der Tizi-Ouzou-Provinz, einer östlich der Hauptstadt Algier gelegene Bergregion, die als Hauptrückzugsgebiet der Terrorgruppe gilt. Laut Regierungsangaben wurden dort in der ersten Augustwoche bei einer Überraschungsoperation der Armee zwölf Terroristen erschossen. Darunter auch einige Anführer. Die Aqim zahlte dies zuerst mit Hinterhalten auf Patrouillen und versteckten Straßenbomben heim und nun mit zwei kurz aufeinander folgenden, verheerenden Attentaten. Man will beweisen, dass man trotz aller personellen Verluste noch einsatzfähig ist. "Al-Qaida musste spektakuläre Aktionen durchführen", sagte der algerische Sicherheitsexperte Mouloud Morchedi, "gerade nachdem sie eine Niederlage erlitten haben." Mit dem Anschlag auf die Rekruten der Polizeiakademie außerhalb ihres Rückzugsgebietes würde die Organisation zeigen, sie könne noch jederzeit und überall zuschlagen.

Im Januar 2007 wurde die Aqim offiziell gegründet. Ein terroristischer Dachverband, dem islamistische Gruppen aus Tunesien (Islamistische Kampftruppe Tunesien), Libyen (Libysche Islamische Kampftruppe) und Marokko (Islamistische Gruppe Marokkanischer Kämpfer) beitraten. Hauptsächlich aktiv ist allerdings nur der algerische Ableger, der aus der Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) hervorging. Sie soll über 300 bis 400 Kämpfer und rund 200 aktive Unterstützer im ganzen Land verfügen. Führer der Organisation ist Abdelmalek Droukdal, ein diplomierter Mathematiker, der auch die Idee zum Anschluss an al-Qaida hatte. Im Herbst 2004 schickte er eine geheime Nachricht an Abu Mussab al-Sarkawi in den Irak. Der inzwischen getötete Chef von al-Qaida in Mesopotamien hatte gegen einen Zusammenschluss nichts einzuwenden und sicherte logistische und finanzielle Hilfe zu, die die algerischen Islamisten bitter nötig hatten. Nach dem Ende des algerischen Bürgerkriegs (1992-2002), bei dem rund 150 000 Menschen getötet worden waren, gab es kaum noch Verständnis für militante Organisationen. Zudem hatte die algerische Regierung rigoros alle Terrorgruppen bekämpft und eine Amnestie angeboten, die viele Radikale annahmen. Darunter auch der damalige GSPC-Führer Hassan Hattab, der vor zwei Tagen zum ersten Mal nach seiner Absage an den bewaffneten Kampf im September 2007 an die Öffentlichkeit ging. Er forderte die Mitglieder der Aqim auf, unverzüglich die Waffen niederzulegen und zu ihren Familien zurückzukehren. "Wir waren schon vor euch auf demselben Weg", sagte er, "das bringt absolut nichts". Hattab hatte die Führungsrolle innerhalb der Organisation 2003 aufgegeben, nachdem es Differenzen darüber gab, ob man unschuldige Zivilisten töten dürfe. Die Anschläge vom Dienstag und Mittwoch haben gezeigt, dass der neue Aqim-Chef keinerlei Rücksicht auf Zivilisten nimmt. Er kopiert die Terrorstrategie seiner Kollegen im Irak: Nach einer ersten Bombe lassen sie eine zweite hochgehen, um auch heraneilende Helfer zu treffen.

Die Aqim ist keine nationale Bewegung mehr, sie nimmt am internationalen Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen teil. "Jeder muss wissen", sagte Aqim-Chef Abdelmalek Droukdel zur "New York Times", "wir zögern nicht, jeden wann und wo auch immer auf diesem Planeten ins Visier zu nehmen."

Im Bericht des US State Department zum globalen Terrorismus vom April 2008 zählt die Aqim zusammen mit den Islamisten im pakistanischen Grenzgebiet zu den zwei größten Bedrohungsrisiken. Besondere Sorgen macht die organisatorische Struktur der Aqim. "Es ist keine zentralisierte Bewegung", erklärte US-Verteidigungsminister Robert M. Gates, "und das macht sie noch gefährlicher."

Bisher spielte die Aqim und ihre dezentral agierenden Partner in anderen Ländern Nordafrikas kaum eine Rolle. Doch seit einem Jahr gibt es Ausnahmen. In Mauretanien wurde im Februar ein Anschlag auf die israelische Botschaft verübt. Wenige Monate zuvor, Weihnachten 2007, wurden vier französische Touristen erschossen. Und in Tunesien entführte man österreichische Touristen. Die Hintermänner dieser Aktionen stammen aus den Ausbildungslagern der Aqim, die sich in entlegenen, nur schwer zugänglichen Gegenden der Sahara in Marokko, Tunesien und Algerien befinden. Auch der bergige Norden Malis soll ein Aufenthaltsort der Terroristen sein, da die zahlreichen Höhlen als Unterschlupf vor Spionagesatelliten dienen. Um einer weiteren Ausbreitung der Aqim vorzubeugen, stellte die US-Regierung 80 Millionen Dollar für eine aus zehn Ländern bestehende Transsahara-Anti-Terrorismus-Partnerschaft zur Verfügung. Am Horn von Afrika, in Dschibuti, ist eine 1500 Mann starke Anti-Terror-Task-Force stationiert, die bei ihren Manövern Terroristen aus Mauretanien durch Mali und den Niger bis in den Tschad jagt.

Montag, 11. August 2008

Hisbollah rüstet zum nächsten Krieg gegen Israel

Die Bewohner Beiruts sind an israelische Militärjets gewöhnt. Zwischen Nacht und Morgengrauen durchbrechen sie immer wieder dicht über der libanesischen Hauptstadt die Schallmauer. Ein tiefer Donner ist dann zu hören, die Fensterscheiben vibrieren bedrohlich. Aufklärungsflüge über dem Libanon sind für Israel ein wichtiger Bestandteil seiner Militärstrategie. Die libanesische Regierung hält sie für einen Verstoß gegen internationales Recht, wie sie mehrfach bei den UN monierte.

Geht es nach der Hisbollah, der schiitischen Partei und Miliz im Libanon, soll es mit der uneingeschränkten Lufthoheit der israelischen Kampfjets bald vorbei sein. "Es ist notwendig, diesen Verstößen endlich ein Ende zu bereiten", hieß es in einer Erklärung der Organisation im Juli. Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah sprach von einer neuen "Verteidigungsstrategie". Es ist die deutliche Drohung, mithilfe moderner Radaranlagen und Luftabwehrraketen die verhassten israelischen Aufklärer in Zukunft abzuschießen. Die neuen Anlagen soll die Hisbollah laut israelischen und arabischen Medienberichten im Zentrallibanon, auf dem knapp 2700 Meter hohen Sannine und den umliegenden Bergen installieren. Unklar ist bisher nur, wie weit die Vorbereitungen der schiitische Guerilla gediehen sind.

Für das israelische Kabinett war das Anlass genug, um sich vergangene Woche darüber zu beraten. Ein Hisbollah-Luftabwehrsystem wäre eine "Störung der strategischen Balance", hieß es in einer gemeinsamen Verlautbarung der Kabinettsmitglieder. Israel werde keinen weiteren Waffenschmuggel an die Hisbollah dulden und für alle Ereignisse die libanesische Regierung verantwortlich machen.

Im Libanon formierte sich nach gewalttätigen Auseinadersetzungen im Mai eine neue Regierung der nationalen Einheit, an der auch die Hisbollah beteiligt ist. Das libanesische Kabinett unter dem alten und neuen Premierminister Fuad Siniora gestand nun der Hisbollah offiziell "das Recht zum Widerstand" gegen Israel zu. Die schiitische Miliz kann also ungehindert den Ausbau ihrer Verteidigungsanlagen betreiben, mit dem unmittelbar nach Ende des Libanonkriegs im Sommer 2006 begonnen worden war. Nördlich des Litani-Flusses, hinter der UN-Pufferzone zu Israel, wurden seither große Landflächen erworben. Wo es früher nur Wildnis gab, errichtete die Hisbollah neue Dörfer, siedelte Schiiten aus dem Süden an, baute Straßen sowie Wasser- und Elektrizitätsleitungen. Das gesamte Gebiet ist heute militärische Sperrzone. Hier befinden sich unterirdische Bunkersysteme und Abschussrampen für die Langstreckenraketen iranischer Bauart, die angeblich jedes Ziel in Israel erreichen können. Welche der Einrichtungen real oder nur Attrappen sind, kann das israelische Militär allein aus der Luft nicht feststellen.

Während des Sommerkriegs 2006 wurden zahlreiche Hisbollah-Stellungen bombardiert, von denen die meisten, wie sich nachher herausstellte, fingiert oder verlassen waren. Israelische Soldaten fanden in Bunkern Aufklärungsfotos der eigenen Luftwaffe, mit Markierungen in hebräischer Sprache. Die Hisbollah wusste im Voraus, was bombardiert und wo Bodentruppen zum Einsatz kommen sollten. Die Guerillas saßen in ihren unterirdischen Bunkern mit Klimaanlage, Küche, Betten und warteten auf eine Möglichkeit, israelischen Kommandos, die sie mit versteckten Kameras beobachten konnten, in den Hinterhalt zu locken. Über militärische Geheimnisse informiert wird die Guerilla von israelischen Soldaten, meist im Austausch gegen Drogen. Erst im Frühjahr wurden zwei dieser Drogenschmugglerringe ausgehoben, an denen israelische Militärs beteiligt waren.

Zu den Neuerungen der Hisbollah gehört auch eine Art "Fremdenlegion", in der Angehörige nicht schiitischer Glaubensgemeinschaften und sogar Kommunisten kämpfen dürfen. Vergleichbares gab es bereits während der israelischen Besetzung des Südlibanon zwischen 1982 und 2000, als die Libanesischen Widerstandsbrigaden Christen, Drusen und Sunniten vereinten. Zur Reaktivierung dieser Truppe dürften die positiven Erfahrungen aus dem Julikrieg 2006 beitragen. Damals beteiligten sich sunnitische sowie kommunistische Gruppen am Kampf gegen Israel. Darunter auch die sunnitisch-islamistischen Fajr-Truppen. "Die Israelis werden in Zukunft auf einen Widerstand stoßen, der sich aus allen Sekten und Konfessionen zusammensetzt", sagte Scheich Afif Naboulsi, ein der Hisbollah nahestehender schiitischer Geistlicher.

Laut israelischen Geheimdienstberichten soll die Terrororganisation heute über insgesamt 40 000 Raketen verfügen. "Zwei oder dreimal so viel wie noch 2006", glaubt Verteidigungsminister Ehud Barak.

Darunter auch rund 1000 C-802-Raketen, die entlang der libanesischen Küste positioniert sein sollen und israelische Schiffe bedrohen können. Eine dieser Raketen, die sechs bis sieben Meter über der Wasseroberfläche fliegen, hatte während des Libanon-Kriegs ein israelisches Kriegsschiff vor der Küste Beiruts schwer beschädigt. Eingeschmuggelt werden diese Raketen wie auch alle anderen Waffen, so der israelische Vorwurf und begründete Verdacht, über das Nachbarland Syrien. Dort wurde am vergangenen Sonntag in der Hafenstadt Tartous auf mysteriöse Weise General Mohammed Suleiman ermordet, der die Waffenlieferungen an die Hisbollah organisierte. Ein Scharfschütze soll den General von einer Yacht aus vor seinem Haus in den Kopf getroffen haben. "Die israelische Regierung hat weder Kenntnisse von noch gibt sie einen Kommentar zu diesem Vorfall", sagte Mark Regev, Sprecher des Premierministers Ehud Olmert.

Mitte Juli war in Teheran bereits ein Lkw-Konvoi der iranischen Elitetruppe der Republikanischen Garden, angeblich mit Waffen für die Hisbollah beladen, in einem Vorort von Teheran unter ungeklärten Umständen explodiert - 15 Menschen wurden getötet. Einige Monate zuvor entgleiste ein Zug in der Nordtürkei durch eine ebenfalls mysteriöse Explosion. Der Zug war mit Militärausrüstung Richtung Syrien unterwegs.

Donnerstag, 7. August 2008

Blumen statt Schläge für die Ehefrau

Türkische Fernsehserie bricht mit vielen Tabus konservativer islamischer Länder - und ist von Saudi-Arabien bis Marokko der absolute Quotenhit

"Teuflisch und unmoralisch" nannte der Großmufti Saudi-Arabiens die türkische Fernsehserie "Nur" und forderte die TV-Stationen auf, ihren "Angriff auf Gott und seinen Propheten" unverzüglich einzustellen. In der palästinensischen Stadt Nablus warnte ein Parlamentarier und Prediger der radikal-islamischen Hamas vor der Serie, die gegen "Religion, Werte und Tradition" verstoße. Viel Gehör fand allerdings keiner der beiden Würdenträger. Zwischen drei und vier Millionen Saudi-Araber sehen jeden Abend die religiös verbotene Seifenoper über das Leben und die Liebe von Nur und ihrem Ehemann Mohannad. Im palästinensischen Gazastreifen und im Westjordanland sind die Straßen zur Sendezeit wie leer gefegt. Und sollte der Strom wieder einmal ausfallen, stellt man sich den Wecker, um die Wiederholung am frühen Morgen nicht zu verpassen.

Aber auch in anderen arabischen Ländern wie Syrien, Bahrain oder Marokko versammeln sich täglich die Großfamilien vor den Fernsehgeräten, um ihre Helden zu sehen. Ein Erfolg, der für den panarabischen Satellitenkanal MBC völlig überraschend kam. In der Türkei war "Nur" ein Flop und wurde nach der Ausstrahlung weniger Episoden abgesetzt. Da arabische TV-Serien unverschämt teuer seien, so MBC-Präsident Scheich Walid al-Ibrahim, habe man im Ausland nach billigen Varianten gesucht. Der Lückenbüßer, den man nicht mit klassischem Arabisch, sondern mit dem gesprochenen Dialekt der Region vertonte, wurde nun zum großen Geschäft des Senders mit Hauptsitz in Dubai.

Überraschend sind die Reaktionen des konservativen, religiösen Establishments nicht. "Nur" präsentiert ein neues Rollenbild, das gerade in den Golfstaaten wenig Entsprechung im gesellschaftlichen Alltag findet. Zum ersten Mal wird nun eine muslimische Familie gezeigt, in der beide Ehepartner völlig gleichberechtigt sind. Der Ehemann (Mohannad) unterstützt seine Frau (Nur) bei ihrem beruflichen Werdegang als Modedesignerin, behandelt sie liebe- und verständnisvoll. Nach einem Streit bringt er ihr Blumen, überrascht sie mit Geschenken oder einer Reise mit romantischem Ambiente. Männliches Verhalten, wie man es bisher nur aus westlichen Filmproduktionen kannte. In arabischen Produktionen werden gewöhnlich Männer gezeigt, die ihre Ehefrauen oder auch Schwestern schlagen.

"Unsere Gesellschaft ist solche Intimität und Liebe nicht gewohnt, deshalb wird diese Art von Beziehung als Sünde bezeichnet", sagt die Vizepräsidentin der Frauenunion von Bahrain, Fatima Rabea. Für viele weibliche Zuschauer wird der sanfte, gut aussehende Mohannad zu einem männlichen Wunschbild. Angeblich ließen sich schon einige saudi-arabische Ehemänner scheiden, die Mohannad-Fotos auf dem Handy ihrer Frau gefunden hatten. In der Tageszeitung "Saudi Gazette" wurde ein Cartoon abgedruckt, der einen Mann beim Schönheitschirurgen zeigt, der in Mohannad verwandelt werden möchte. Mütter wünschen sich Nur oder Mohannad als Vornamen ihrer Neugeborenen.

In der Seifenoper werden auch noch andere Tabus konservativ-muslimischer Gesellschaften gebrochen. Mohannad hatte bereits vor der Heirat mit Nur Sex, aus dem ein Kind stammt, eine Cousine hatte eine Abtreibung, und zum Abendessen wird schon mal Alkohol getrunken. "Wir alle machen Dinge in unserem Leben, wie sie in der Serie gezeigt werden", sagt die syrische Schauspielerin Laura Abu Sa'ad, die der weiblichen Hauptfigur Nur ihre arabische Stimme gab. "Viele Mädchen werden schwanger und haben Abtreibungen, aber man spricht nicht darüber. Wenn man nun im TV sieht, was sonst unter den Tisch gekehrt wird, bedeutet das ein Aufatmen." Für Laura Abu Sa'ad ist der Erfolg der Serie ein Zeichen dafür, "dass die arabischen Muslime einem moderaten Islam und nicht den Extremisten folgen wollen".

Religion spielt in "Nur" eine Nebenrolle. Die Ehe von Nur und Mohannad ist zwar vom Großvater bestimmt, und man befolgt das muslimische Fastengebot im Monat Ramadan, aber keine der Hauptfiguren wird beim täglichen Gebet gezeigt. Frauen tragen auch kein religiöses Kopftuch oder eine andere Verschleierung. "Ich denke, diese Serie zeigt ein völlig unrealistisches Bild der Türkei", kritisiert Professor Khalid Amine von der marokkanischen Universität in Tetouan. "Als würde es dort keine islamistische Partei an der Regierung und keine Auseinandersetzung zwischen Religion und Säkularismus geben." Profiteur ist jedenfalls der türkische Tourismus: Kinder wollen die Schauplätze von "Die verlorenen Jahre", einer populären türkischen Serie für Jugendliche, sehen, die Eltern das Land von Nur und Mohannad. Darum mietete die türkische Produktionsfirma von "Nur" in Istanbul das fiktionale Zuhause von Mohannad und verwandelte die Villa in ein Museum für arabische Touristen. Allein aus Saudi-Arabien werden 100 000 Besucher erwartet, 70 000 mehr als im Vorjahr. "Der Anstieg saudi-arabischer Touristen ist ein Resultat der Seifenopern", sagt der türkische Botschafter in Saudi-Arabien. "Es gab früher nur zwei Flüge von Riad nach Istanbul, heute sind es vier, die alle vollkommen ausgebucht sind."

Sonntag, 3. August 2008

Wo Deutschlands Drogen herkommen

3000 Tonnen pro Jahr, 80 Prozent des europäischen Gesamtbedarfs, ein Geschäft von 20 Milliarden Euro: Marokko ist der größte Haschischexporteur der Welt. Ein Großteil wird im unzugänglichen Rif-Gebiet produziert. Das Königreich hat den Kampf gegen die Drogenbarone längst verloren.

Von der Hafenstadt Larache am Atlantik dauert die Fahrt ins Rif-Gebirge, dem Herzland des Kif, wie Marihuana in Marokko genannt wird, keine Stunde. Von Kilometer zu Kilometer häufen sich die tiefgrünen Pflanzungen der verbotenen Droge zwischen Bohnen- und Maisfeldern. Außer einzelnen, billigen Wellblechhäusern ist von Zivilisation bald keine Spur mehr.

Aus dieser malerischen Berggegend stammt der Großteil des Haschisch, das nach Europa exportiert wird. Rund 3000 Tonnen sind es pro Jahr – 80 Prozent des europäischen Gesamtbedarfs. Marokko ist damit größter Haschischexporteur der Welt. Auf modernen Schnellbooten, unter Fischladungen versteckt, oder mit Kleinflugzeugen wird das Kif zuerst nach Spanien, dann weiter nach Frankreich, Holland oder Deutschland transportiert. Ein Geschäft, dessen Wert auf bis zu 20 Milliarden Euro geschätzt wird. Das Kif ist das „Grüne Öl“ Marokkos.
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Von den Gewinnen landet allerdings nur ein Bruchteil bei den Bauern. „Diejenigen, die damit das große Geld machen, fahren schwere Geländewagen mit verspiegelten Scheiben und kommen oft nicht aus Marokko“, berichtet Mohammed L., der mit seiner Frau und sieben Kindern in einer der Wellblechhütten lebt. Im Gegensatz zu vielen anderen Kleinbauern der Gegend hat er Elektrizität. Stolz zeigt er seinen Fernsehapparat und eine neue Satellitenschüssel. Wasser allerdings wird seit Jahren täglich mit Eseln aus dem 20 Minuten entfernt gelegenen Brunnen transportiert.

Gleich hinter dem Haus befindet sich die Kif-Plantage. Gut 3000 Quadratmeter, die in diesen Tagen reif zur Ernte sind. Vereinzelt liegen bereits abgeschnittene Pflanzenbündel zum Trocknen in der Sonne, die später zu Haschisch verarbeitet werden. „Fünf oder sechs Kilo sollen es mindestens werden“, sagt Mohammed und lächelt dabei hoffnungsfroh. Pro Kilo bekommt er zwischen 400 und 500 Euro. In Europa zahlt der Endverbraucher oft mehr als das Zwanzigfache.

Mohammed und seine Familie könnten ohne die kleine Haschischproduktion nicht überleben. Die wenigen Olivenbäume, die Eier seiner Hühner und die Bienenstöcke dienen dem Eigenbedarf. Für seine fünf, sechs Kilo Haschisch muss Mohammed nur zwei, drei Tage arbeiten. Das getrocknete Marihuana wird über einem Sieb in Plastik eingewickelt und mit zwei Stöcken „ausgeschlagen“. Im Topf darunter sammelt sich der begehrte Stoff.

Mohammed ist einer von rund einer Million Menschen in Marokko, die auf diese Art ihre Existenz sichern. „100 Kilo Marihuana ergeben ein bis zwei Kilo Haschisch“, erklärt er fachmännisch auf seinem Feld. „Da drüben ist es die doppelte Ausbeute“, fügt er resigniert hinzu und zeigt auf deutlich erkennbare Marihuanafelder auf der anderen Seite des Tals. „Dort sind die Böden besser, und außerdem gibt es Wasser“, erklärt der Familienvater.

Da drüben, das ist die Region Chefchaouen und das dahinter liegende Ketama, wo Berberstämme seit dem 15.Jahrhundert Kif anbauen. Die Berber sind eine ethnische Minorität in Marokko mit eigener Sprache und Kultur. 1958, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos, rebellierten sie, worauf ihre Region bis zum Tode von Hassan II. 1999 gänzlich vernachlässigt wurde. Kif zu pflanzen, ist bis heute ein Zeichen berberischer Selbstständigkeit. Sämtliche Versuche der marokkanischen Regierung, den Anbau von Marihuana zu unterbinden, schlugen fehl. Ob Avocados oder Olivenbäume als Ersatz, kaum einer der Bauern ließ sich vom lukrativen Kif abbringen. „Die können machen, was sie wollen“, meint Mohammed L., der kein Berber ist, sondern nur ein Jibli, ein Mann der Berge. „Sie schlagen die Olivenbäume ab, um Flächen für Kif frei zu machen. Die Samen dazu stammen aus Pakistan oder Indien.“

Mohammed will mit der von der Mafia organisierten industriellen Produktion nichts zu tun haben. Er wäre schon mit etwas größeren Anbauflächen zufrieden. Aber das sei nicht mehr so einfach wie früher. „Sobald die Polizei meine Felder sieht, reißt sie die Pflanzen aus.“ Schmiergelder in der Höhe, die er bezahlen kann, würden nichts ändern. „Man will den Anbau kontrollieren und auf eine bestimmte Region beschränken, wenn man ihn schon nicht ganz ausmerzen kann“, meint Mohammed.
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Zwischen 2003 und 2007 hatte das Uno-Büro für Drogen und Kriminalität einen Rückgang der Marihuanaproduktion in Marokko um 50 Prozent registriert. Die marokkanischen Behörden hatten auf Druck der USA und der Europäischen Union Maßnahmen gegen den Kif-Anbau getroffen. Bauern wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, Felder zerstört, Umpflanzungsprogramme durchgeführt. Bis 2008 wollte man den Kif-Anbau vollkommen ausrotten. Davon ist Marokko heute weit entfernt. Die Produktion von Kleinbauern wie Mohammed konnte zwar minimiert und manchmal auch ganz unterbunden werden. Zudem wurde eine Ausbreitung in bekannten Anbaugebieten verhindert.

Aber im Gegenzug legte die Haschischmafia neue Marihuanakulturen in unzugänglicheren Gebieten an, intensivierte den Anbau mit Düngemitteln und neuem, leistungsfähigeren Saatgut. Nach wie vor kann man sich mit ausreichend Geld eine unbehelligte Ernte im Juli und August erkaufen. Das wird so bleiben, solange man den sozial schwachen Bauern keine ansprechenden Ersatzpflanzen zu Verfügung stellt und keine zusätzlichen Schulen, Wasser- und Elektrizitätsleitungen baut.

Da man offenbar die Produktion nicht verbannen kann, plädierte das renommierte marokkanische Wochenblatt „Tel Quel“ als Ausweg für eine Legalisierung des Kif und zeichnete ein Bild von sprudelnden Steuereinnahmen, Touristenströmen und dem Rückgang der Korruption. Nicht zu vergessen, dass auch die Marokkaner konsumieren. Ob unter Bauarbeitern, Intellektuellen oder LKW-Fahrern, Cannabis ist fester Bestandteil des marokkanischen Alltagslebens. Jedes Jahr werden, wie die Zeitung „Tel Quel“ errechnete, 1,1 Milliarden Joints geraucht. Das sind rund 60 Zigaretten pro Jahr für jeden Erwachsenen der 33-Millionen-Bevölkerung des Königreichs.

Mittwoch, 19. März 2008

Arabische Blogger haben es nicht leicht

„Warum Bloggen wir?“ fragte Fouad Al-Farhan im Dezember 2007 auf seiner Webseite über Saudi-Arabien. Die Antworten des Bloggers gefielen den Behörden offensichtlich nicht. Er wurde verhaftete und sitzt seitdem im Gefängnis. Fouad Al-Farhan hatte die Korruption in seinem Land kritisiert und war für politische Reformen eingetreten.

Mit seiner Verhaftung erreichten die saudischen Autoritäten allerdings das Gegenteil von dem, was sie wollten. Statt Al-Farhan und seine Kritik mundtot zu machen, kursieren seine Thesen nun weltweit im Internet. Selbst US-Präsident George W. Bush soll sich bei seinem Besuch im Januar in Saudi-Arabien mahnend nach dem Schicksal des Bloggers erkundigt haben. „Die Zeiten der absoluten Staatskontrolle der Medien sind vorbei“, sagt Larbi El Halili, der einen der erfolgreichsten Blogs in Marokko betreibt. „Niemand kann mehr die Fülle im Netz total kontrollieren und nach unliebsamen Inhalten filtern“. Mittlerweile könnten Blogs sogar viele Menschen mobilisieren, fügte er stolz hinzu. Trotz einer positiven Entwicklung, die Kritik an Staatsoberhäupter und der Religion des Islam bleiben weiterhin jedoch sensitive Themen, die in arabischen Ländern ins Gefängnis bringen können.

In Tunesien wurde Zouhair Yahyaoui 2002 zu zwei Jahren verurteilt, weil er angeblich „falsche Informationen“ über Menschenrechtsverletzungen verbreitete. Unter dem Pseudonym Ettounsi hatte er auf seinem Blog über die Meinungsfreiheit in Tunesien geschrieben. Im Gefängnis soll Yahyaoui, nach Angaben von Reportern ohne Grenzen, gefoltert worden sein. Nach drei Hungerstreiks wurde er nach einem Jahr auf Bewährung entlassen. 2005 verstarb der erst 36-Jährige an einem Herzinfarkt.

In Ägypten musste der 22-jährige Karim Amer 2007 für vier Jahre hinter Gittern, weil er den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak und den Islam kritisiert haben soll.

„In Marokko wurde bisher noch kein Blogger belangt“, erklärt Larbi El Halili. „Wir können relativ frei über alles sprechen, was im Vergleich zu anderen arabischen Ländern eine große Ausnahme ist“.

Die marokkanischen Behörden hätten einige Male „YouTube“ blockiert, aber nach kurzer Zeit wieder freigegeben. Zum größten Teil sei dies ein Verdienst der Blogger gewesen, die internationale Proteste starteten.

„Eine kleine Revolution“, meint Larbi El Halili, dessen Webseite täglich etwa 3500 Besucher aufrufen. Seit dem Beginn im Jahr 2004 bekam El Halili 18.000 Antworten auf seine mehr als 450 Einträge. Dort wird über die marokkanische Verfassung diskutiert oder ob der König zu viel oder zu wenig Macht hat. „Natürlich muss man bei diesen Diskussionen aufpassen, dass man kein falsches Wort sagt“, erläutert El Halili. „Das Damokles-Schwert einer unberechenbaren Justiz schwebt über jeden Blogger“. Das zeigte der Fall von Fouad Mourtada, einem 26-jährigen IT-Ingenieur, der vor einigen Wochen die Identität eines marokkanischen Prinzen auf Facebook.com fingierte und dafür zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. „Es began mit einem Spaß und endete in einem Drama“, sagt El Halili nachdenklich. „Das war für die Bloggergemeinschaft ein Schuss vor den Bug, obwohl es uns nicht direkt betrifft“. Aber das harte Urteil zeige, wie weit die Justiz jederzeit gehen könne.

In Marokko gibt es rund 30.000 Blogs, bei etwa vier Millionen registrierten Internetbenutzern. Relativ wenige im Vergleich zu Deutschland, wo es zwischen 600.000 und 1 Million Blogs geben soll. Im nordafrikanischen Nachbarland Algerien sind es nur knapp 6000. In Tunesien sollen es kaum einmal 1000 sein, was bei der starken staatlichen Kontrolle und mangelnder Toleranz kein Wunder ist. Zudem sind nur 1,6 Millionen Internetbenutzer registriert. Aber auch in Tunesien, wie in einigen anderen rigiden arabischen Ländern, lassen sich auf lange Sicht die Internet-Revolution und die einhergehende Demokratisierung von Information nicht aufhalten. Gerade in Ländern, wo Information vom Staat offiziell verordnet wird, haben Menschen ein Bedürfnis nach anderen Nachrichten und Meinungen. Blogs sind ein Weg, dieses Bedürfnis zu befriedigen. „Natürlich besitzen Blogs noch lange nicht die Macht, die sie haben könnten oder vielleicht auch haben sollten“, stellt El Halili fest. Für ihn sind Blogs „der Argot über öffentliche Fragen“. Blog-Diskussionen seien wichtiger als Gespräche in den Cafes von Casablanca oder Kairo und in den Foren der Tageszeitungen. „Sie sind eine Art Schule der Demokratie, die die Arbeit übernehmen, die in den arabischen Medien oder auch nationalen Parlamenten nicht geleistet wird“. Blogs seien ein kollektiver Volksgeheimdienst, Orte, wo kontroverse Diskussionen und Debatten über Politik und Religion stattfinden und zum kritischen Denken angeregten. Für den marokkanischen Blogger ist die Arbeit seines Kollegen Wael Abbas aus Ägypten nur der Anfang von dem, was einmal kommen soll. Der ägyptische Blogger veröffentlichte auf seinem Misr Digital, Bilder von Ausschreitungen der Polizei. Zuerst versuchte ihn die Behörden einzuschüchtern, denunzierten ihn als kriminell und homosexuell, später halfen seine Videodokumentationen dennoch die betreffenden Polizisten zu überführen. Zwei Beamte wurden wegen Folter angeklagt und zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der 33-jährige Wael Abbas erhielt dafür im November 2007 den „Knight International Journalism Award“ des internationalen Zentrums für Journalisten in Washington.

Mittwoch, 20. Februar 2008

Geschützt, verdrängt, geduldet

Jüdisches Leben in islamischen Ländern – eine gefährdete Tradition

Im jüdischen Kasino von Tanger scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Gut gekleidete Damen und Herren sitzen an mit grünem Filz belegten Tischen und spielen Karten. Mehrere Kronleuchter geben dem grossen Saal eine exklusive Atmosphäre. Wem nicht nach Kartenspiel zumute ist, der sitzt an der Bar und lässt sich einen Apéritif oder auch nur ein Bier servieren. Eine Abendgesellschaft im Klub, wie sie vor 50 oder 60 Jahren noch zum guten Lebensstil gehörte. «Früher war es hier jeden Abend voll», erzählt eine Dame im kurzärmligen rosa Seidenkleid. «Heute sind es noch wenige Alte, die regelmässig kommen.» Man sei eben nur mehr eine kleine Gemeinschaft von etwa 150, erklärt die Dame und fügt betonend «Hebräer» hinzu. Als Jude will hier niemand bezeichnet werden, das habe einen negativen Beigeschmack.

Exodus aus Spanien

In der marokkanischen Hafenstadt lebten einst bis zu 40 000 Hebräer, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Unabhängigkeit Marokkos 1956 langsam, aber stetig abwanderten. Es gab keine gut bezahlten Arbeitsstellen mehr, und das vormals dominant westliche Ambiente der Stadt verschwand zusehends. Der überwiegende Teil der Auswanderer ging nach Kanada, in die USA oder nach Südamerika. «Nur gerade die Ärmsten zog es nach Israel», erinnert sich Rachel Pimienta beim Gespräch im Restaurant Casa España. «Damals hiess das noch Palästina», fügt die 75-Jährige erklärend an, deren Nachname Pimienta (zu Deutsch «Pfeffer») auf die spanische Inquisition am Ende des 15. Jahrhunderts zurückgeht. Nach der Vertreibung der letzten Araber aus al-Andalus unter den Katholischen Königen, Isabella I. von Kastilien (1451–1504) und Ferdinand II. von Aragonien (1452–1516), wurde die jüdische Bevölkerung gezwungen, zum Christentum zu konvertieren. Um Verwechslungen mit katholischen Spaniern zu vermeiden, gab man Juden unübliche, prägnante Namen. Die Zwangskonversionen, die mit Folterungen und Mord einhergingen, verursachten 1492 einen Massenexodus. Zwischen 200 000 und 300 000 Juden verliessen Spanien Richtung Nordafrika, andere flohen in die Türkei oder nach Griechenland.

In Marokko genossen die Sephardim, wie die Flüchtlinge in Anlehnung an die hebräische Bezeichnung für die Iberische Halbinsel genannt wurden, den Status der Dhimmi, der Schutzbefohlenen. Man lebte unbehelligt in jüdischen Vierteln, den sogenannten Mellahs. Diskriminierungen oder Ausschreitungen hatten Seltenheitswert. «Bis heute lebt es sich gut in Marokko», bestätigt Rachel Pimienta. Antisemitismus habe sie nie erfahren, und Angst vor radikalen Islamisten, die erneut tödliche Anschläge wie 2003 in Casablanca gegen jüdische und spanische Einrichtungen begehen könnten, habe sie nicht. So etwas könne doch überall passieren. «Ausserdem leben wir unter dem Schutz des Königs», fügt die ehemalige Fahrlehrerin an.

Nach den Bombenattentaten in Casablanca hatte Mohammed VI. seine historische Pflicht bekräftigt, die Rechte der Juden seines Landes zu schützen. Verständlicherweise, muss man sagen, denn jüdische Mitbürger arbeiten als Ratgeber des Königs, sind Minister, hohe Militärs, Mitglieder des Parlaments, Richter und Botschafter. In Casablanca lebt die grösste jüdische Gemeinde mit mehr als 3000 Mitgliedern, die 10 Schulen unterhalten. In ganz Marokko sind etwa 30 Synagogen in Betrieb.

Marokko – die Ausnahme

Das nordafrikanische Königreich ist eine positive Ausnahme unter muslimischen Ländern, was die Integration und den staatlichen Schutz der jüdischen Bevölkerung betrifft. Im Nachbarland Algerien nahm die Regierung 1962 den Juden ihre ökonomischen Rechte, worauf 120 000 nach Frankreich emigrierten. Weitere Abwanderungen folgten im algerischen Bürgerkrieg, nachdem 1994 die Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) Anschläge gegen Juden angekündigt hatte. In Tunesien sind von den einst 40 000 tunesischen Juden nur mehr etwa 1300 übrig. Trotz staatlicher Protektion ereigneten sich immer wieder gewalttätige Übergriffe von Muslimen, die ihren Zorn über die Politik Israels an den heimischen Juden ausliessen.

In Syrien spielte der Nahostkonflikt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die Juden wurden in den 1960er und 1970er Jahren als politisches Risiko angesehen, deshalb überwacht und ständig kontrolliert. 1990 liess der damalige Präsident Hafez Asad nur auf Druck der USA 1200 Juden ausreisen, die in der Arabischen Republik nicht mehr leben wollten und konnten. Dabei ist auch die Geschichte Syriens seit Jahrhunderten mit jüdischer Kultur verbunden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten dort rund 50 000 Juden, davon 10 000 in Aleppo. Heute sind in der im Norden Syriens gelegenen Stadt gerade noch 50 übrig. Im benachbarten Libanon wurde das jüdische Leben ebenfalls ein Opfer des politischen Konflikts mit Israel. Wo in den 1950er Jahren rund 7000 Juden wohnten, gibt es heute so gut wie keine mehr, und die wenigen wollen nicht als Juden erkannt werden. Die Synagoge im Zentrum Beiruts rottet vor sich hin, niemand wagt sie zu restaurieren, geschweige denn wieder in Betrieb zu nehmen.

Alte Wurzeln in Iran

Das Zuhause der grössten jüdischen Gemeinschaft (25 000) im Mittleren Osten ausserhalb Israels bleibt heute Iran – nach den antisemitischen Äusserungen von Präsident Mahmud Ahmadinejad würden dies wohl die wenigsten erwarten. Seit 3000 Jahren sind Juden in Iran ansässig. Heute unterhalten sie Synagogen, koschere Schlachtereien, Schulen und ein eigenes Krankenhaus in Teheran. Es ist eines von vier jüdischen Krankenhäusern weltweit und wird ausschliesslich von der jüdischen Diaspora finanziert: eine Besonderheit in Iran, wo lokale Hilfsorganisationen Probleme mit ausländischen Geldern haben, die sie in den Verdacht der Spionage bringen können. Patienten und Belegschaft des Hospitals sind überwiegend Muslime. Nur der Direktor, Ciamak Morsathegh, ist jüdischer Herkunft. «Antisemitismus ist kein östliches Phänomen», sagte er in einem Interview, «genauso wenig ein islamisches oder iranisches – Antisemitismus ist ein europäisches Phänomen.» Selbst in den schlechtesten Tagen in Iran hätten die Juden nie so gelitten wie in Europa.

Dienstag, 19. Februar 2008

Frühgeschichte des Islam und Prophet Mohammed

Interview mit Prof. Karl-Heinz Ohlig von der Uni Saarland


F: Eines Ihrer Bücher zur frühen Geschichte des Islam trägt den Titel „Die Dunklen Anfänge“. Was ist denn dunkel an der Entstehung des Islam, die man in jedem bekannten Lexikon detailliert nachlesen kann?

A: Schon Ignaz Goldziher, einer der „Väter“ der Islamwissenschaft hat in einem Vortrag im Jahr 1900 an der Sorbonne davon gesprochen, dass diese Anfänge recht ungeklärt sind. Tatsächlich bietet der Koran keinerlei biographisches Material zu Mohammed. Nur vier Mal kommt dieser Begriff vor, und nur an einer Stelle ist mit Sicherheit damit ein arabischer Prophet gemeint – wahrscheinlich eine recht späte Versgruppe. Mekka wir nur einmal, ohne irgendeinen Zusammenhang, erwähnt, Medina („Stadt“) dreimal, wobei unklar ist, ob nicht einfach „Stadt“ zu verstehen oder ob das spätere Medina („Stadt [des Propheten]“) gemeint ist. Auch sonst gibt es keine Hinweise auf die Arabische Halbinsel.

So sind alle „Informationen“ zu den Anfängen des Islam erst späteren Texten entnommen: „Biographien“, die im 9. und 10. Jh. aufgeschrieben wurden. Aus einem dieser Texte, den „Annalen“ des at-Tabari (10. Jh.) stammen auch die Schilderungen der weiteren Geschichte. So fehlen für die ersten zwei Jahrhunderte zeitgenössische Texte, auf die man sich stützen könnte.

F: Die Geschichte des Islam wurde also 150 bis 200 Jahre nach dem Tod von Propheten Mohammed (632 n. Chr.) aufgeschrieben. Warum wurde erst so spät mit der Niederschrift einer islamischen Geschichte begonnen?

A: Wahrscheinlich konnte man erst ein Leben Mohammeds und weitere Abläufe beschreiben, nachdem sich diese Vorstellungen über die Anfänge herausgebildet hatten, ansatzweise nicht vor der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, und sich der Islam als eigenständige Religion des arabischen Reichs ausgebildet hatte. In Analogie zum Vorgehen des Pentateuch, der die Anfänge der Jahwereligion in die Mosezeit verlegt, hat man nun einen großartigen und kohärenten Anfangsmythos entworfen.

F: Können die Aufzeichnungen nach einer Zeitspanne von ein, zwei Jahrhunderten noch akkurat sein? Ist die islamische Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts nicht notgedrungen ein Sammelsurium von Halbwahrheiten, das man nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht sogar als eine Fälschung bezeichnen müsste?

A: Diesen Entwurf als Fälschung zu bezeichnen, ist – ebenso wie bei den Büchern Mose oder der Romulus-Remus-Erzählung – falsch, weil dabei die literarischen Gattungen nicht berücksichtigt werden. Religiös-politische Gründungsmythen sind keine Geschichtsschreibung, und wollen dies auch nicht sein.

F: Aber sind es nicht genau diese „religiös-politische Gründungsmythen“, die heute unter vielen Muslimen für real gehalten werden? Selbst in der Fachliteratur zur Islamgeschichte wird die tradierte Version nicht in Frage gestellt.

A: Gründungsmythen haben die Funktion, durch Rückgriff auf eingängige narrative Traditionen Identität zu stiften. In vorkritischen Gesellschaften werden sie selbstverständlich für real gehalten. Davon unabhängig aber fragt historisches Denken nach den tatsächlichen Abläufen. Dies ist auch in der Islmwissenschaft in Gang gekommen, wenn auch reichlich spät. So vertritt z.B. die in Amerika lehrende Islamwissenschaftlerin Patricia Crone die These, die Anfänge des Islam seien nicht auf der Arabischen Halbinsel zu suchen. Die Gestalt Mohammed hält sie aber für historisch, seltsamerweise nicht auf Grund muslimischer, sondern christlicher Texte. Bei letzteren erweisen sich allerdings die sehr seltenen Erwähnungen eines Mohammed als Jahrhunderte spätere Interpolationen von Abschreibern in ältere Texte, die von ihm nichts wussten.

F: Welche Rolle spielen die Hadithe, die überlieferte Lebensgeschichte und Aussprüche des Propheten Mohammeds? Sie wurden ebenfalls über ein Jahrhundert lang mündlich von Erzähler zu Erzähler weiter vermittelt, schließlich gesammelt und niedergeschrieben. Wie zuverlässig sind die Überliefererketten?

A: Die Hadithe und ihre Sammlung im 9. Jh. wurden notwendig, weil neue Probleme und Fragen auftauchten, für die im koranischen Material kein Bezug zu finden war. Durch sie konnten neue Rechtsfragen, Gemeindesituationen usw. mit Bezug auf Mohammed beantwortet werden. Diesem, seit dem 19. Jh. schon als weithin legendarisch beurteilten Material sollte ein hohe Autorität durch die Vorschaltung von Überliefererketten, die die Berichte als Überlieferung seit Mohammed kennzeichnen wollen, zugewidmet werden, die als theologische Legitimationsformeln, nicht als historische Information zu verstehen sind.

F: Aber in der Realität ist das doch, wie auch im Fall des Gründungsmythos, anders. Hadithe werden als historische Information verstanden. In einigen muslimischen Ländern sind sie die Basis der Rechtsprechung. Taugen sie als Basis für Richtersprüche?

A: Hadithe sind Basis für die Rechtsprechung neben anderen Quellen: dem Koran, der Übereinstimmung in der Rechtstradition oder dem freien Ermessen des Richters. Ob sie als Basis „taugen“, entzieht sich meiner Kenntnis. Historische Informationen aber bieten sie prinzipiell nur für das, was man in den Kontexten ihrer Entstehung dachte, nicht für Worte Mohammeds.

F: Sie haben in den letzten drei Jahren zwei Bücher zur neusten Forschung über die Entstehungsgeschichte des Islam herausgebracht. Laut Ihrer These war der Islam zu Anfang nicht als eigenständige Religion gedacht. Welche Beweise haben Sie und Ihre Forscherkollegen dafür gefunden?

A: Laut Zeugnis der christlichen Literatur unter arabischer Herrschaft im 7. und 8. Jh., aber auch der arabischen Münzprägungen und der Inschriften, z.B. im Felsendom in Jerusalem, vertraten die neuen Herrscher ein syrisch-persisches Christentum, das die Beschlüsse des Konzils von Nizäa nicht anerkannte: Jesus ist für sie Gesandter, Prophet, Knecht Gottes, aber nicht physischer Sohn Gottes, und Gott ist unitarisch einer, ohne „Beigesellung“. Deswegen ordnet sie der Kirchenvater Johannes von Damaskus, gest. um 750, unter die christlichen Häretiker ein, weil sie seinem griechischen Verständnis von Christentum nicht entsprachen. Vor dem 9. Jh. ist von einer neuen, eigenständigen Religion der Araber nicht die Rede.

F: Das heißt, der Islam wurde erst später zu einer eigenständigen Religion gemacht?

A: Diese Formulierung klingt ein wenig nach Willkür oder bewusster Aktion. Es ist vielmehr so, dass Religionen oft entstehen, indem sie bei religiösen Vorstellungen der Tradition, aus der sie kommen, eine neue Gewichtung des Ererbten vornehmen, dieses anders interpretieren und in spezifischer Weise verfestigen und systematisieren.

F: Spielte die Politik der damaligen Zeit nicht auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Islam als eigenständige Religion?

A: Der Islam wurde die Staatsreligion des mächtigen arabischen Großreichs im 9. Jh., das damit seinen Anspruch auf „universale“ Geltung und Herrschaft untermauern konnte.

F: Das arabische Großreich machte eine verbindende neue Religion nötig, als Fundament einer neuen Welt quasi, um sich vom Rest abzusetzen, Differenz zu schaffen? Ein Imperium braucht auch eine spirituelle Quelle? Eine Religion und Botschaft, die es auch zu verbreiten gilt?

A: Dies scheint, in Konkurrenz zum Byzantinischen Reich, eine plausible Erklärung zu sein.

F: Warum wurde in der gängigen Forschung bisher selten über diese Faktoren und Zusammenhänge nachgedacht und meist von einer unverrückbaren islamischen Geschichte ausgegangen? Warum hat man nicht, wie beim Christentum, kritisch hinterfragt?

A: In der muslimischen Theologie sind Fragestellungen dieser Art verboten; sie hat bisher noch keine Aufklärung durchlaufen. Die westliche Islamwissenschaft beschäftigt sich weithin mit Philologie, ohne die in der Geschichtswissenschaft etablierten Methoden anzuwenden. Ebenso wenig untersuchen sie den religionsgeschichtlich und christlich-theologisch äußerst differenzierten kulturellen Raum des Vorderen Orients, so dass die Wurzeln und Motive aus diesen Traditionen nicht erkannt werden. Aber es gibt dennoch auf der ganzen Welt eine Reihe von Islamwissenschaftlern, die kritische und weiterführende Beiträge und Untersuchungen publiziert haben, die insgesamt gänzlich neue Perspektiven aufscheinen lassen. Weil es gegen zeitgenössische Quellen und historische Belege keine Argumente gibt, werden sich die traditionellen Auffassungen auf Dauer nicht halten können.

F: Welche Fehler wurden von der nicht-kritischen Forschung gemacht, beziehungsweise, was hat man unterlassen?

A: Man hat vergessen, dass historische Abläufe nur dann beschreibbar sind, wenn sie historisch-kritisch anhand von zeitgenössischen Quellen verifiziert werden können. Es gibt nicht wenige Epochen, über die kaum Zeugnisse erhalten sind. Das gilt für die Entstehungsphasen vieler Religionen, z.B. für den Buddhismus, den Zoroastrismus, die jüdische Religion, und auch im Christentum gibt es Fragen zum historischen Jesus. Die Anfänge des Islam werden in der sehr viel späteren Literatur detailliert entfaltet, und es mag durchaus sein, dass auch historische Traditionen in sie eingegangen sind. Aufs Ganze gesehen aber dokumentiert sie nicht die Anfänge, sondern das Denken des 9. und 10 Jh.s über die Anfänge. Die westlichen Islamwissenschaft hätte alle Möglichkeiten kritischer Untersuchungen gehabt. Aber sie hat sie nicht ausreichend wahrgenommen.

F: Rudi Paret, ein bekannter Philologe und Islamwissenschaftler, sagte einmal, dass der Koran nicht anzuzweifeln sei. Teilen Sie diese Auffassung?

A: Rudi Paret hielt den Koran in allen seinen Sätzen für authentisch, d.h. auf Mohammed zurückgehend. Diese These ist durch keinerlei Quellen gestützt, also ein bloße Behauptung. Er meint auch, wie viele andere, die Sammlung der Sprüche Mohammeds sei unter dem dritten Kalifen Osman, wenig mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod des Propheten, abgeschlossen worden.

F: Das stimmt also nicht, dass es nur eine einzige Version des Korans gab? Welche Beweise gibt es dafür?

A: Die noch erhaltenen Fragmente von Koranhandschriften, die ältesten wohl alle aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, zeigen ein anderes Bild: Es gab andere Surenfolgen, Textkomplexe fehlen noch usw. Der Koran war erst im Entstehen, die erste Ganzschrift lässt sich auf das Jahr 870 datieren. Vor allem aber sind die ältesten Handschriften „defektiv“ geschrieben: Sie kennen, wie alle semitischen Schriften, keine Vokalzeichen, anders als in anderen semitischen Buchstabenschriften sind aber auch die Konsonanten mehrdeutig. Diese werden auch in der heutigen arabischen Schrift in ihrer Bedeutung erst klar durch die sog. diakritischen (unterscheidenden) Zeichen: ein bis drei Punkte über einem mehrdeutigen Buchstabenzeichen, die den gemeinten Konsonanten exakt festlegen. In den alten Koranhandschriften aber sind die Konsonanten unbestimmt: ein Zeichen kann für zwei bis fünf Konsonanten stehen, so dass diese Texte ohne weitere Erklärung nicht lesbar sind. Das ist der Grund, warum sie im Lauf der Zeit – bis zum Ende des 9. Jahrhunderts – voll ausgeschrieben wurden (Plene-Schreibung). Hierbei sind den Abschreibern naturgemäß Interpretationsfehler unterlaufen.

F: Mit den „Interpretationsfehlern“ beziehen Sie sich auf die Arbeiten von Christoph Luxenberg. Er hat den Koran mithilfe von Syro-Aramäisch, der lingua franca zurzeit von Prophet Mohammed, neu gelesen und plötzlich die zahlreichen dunklen, bisher unverständlichen Passagen im Koran entschlüsselt.

A: Christoph Luxenberg hat nachgewiesen, dass der Koran in einem aramäisch-arabischen Sprachumfeld geschrieben wurde, so dass nicht wenige Passagen erst ihren Sinn enthüllen, wenn sie als mit arabischen Buchstaben geschriebene aramäische Texte gelesen werden. In einer neuen Untersuchung hat er darüber hinaus anhand von Abschreibefehlern aufgezeigt, dass die Schreiber des Koran syrische Textvorlagen benutzt haben, der Koran also eine syro-aramäische und somit christliche Vorgeschichte hat. Dies entspricht auch dem Befund der arabischen Münzprägungen, die zeigen, dass die koranische Bewegung ihre Ursprünge weit östlich von Mesopotamien, also im syrisch-persischen Raum hat.

F: Warum findet erst jetzt eine kritische Auseinandersetzung mit der islamischen Historie statt? Sicherlich, es gab Ausnahmen, aber die wurden stets von der scientific community abgetan.

A: Seit dem 19. Jh. hat die europäische, vor allem die deutsche Islamwissenschaft, die oft von jüdischen Gelehrten betrieben wurde, bedeutende Leistungen erbracht. Die Zeit des Nationalsozialismus brachte eine schlimme Zäsur. Heute kommt es darauf an, an die früheren wissenschaftlichen Traditionen anzuknüpfen, zugleich aber das Spektrum der Forschung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Islmwissenschaftlern mit Semitisten, Indogermanisten, Theologen, Religionswissenschaftlern, Numismatikern oder – für Spanien – Hispanisten zu vertiefen. Nur auf diese Weise können die komplexen Entstehungsbedingungen des Islam sachgerecht erfasst werden. Ein wichtiges Postulat wäre, wie in den Bibelwissenschaften selbstverständlich, die Erstellung einer kritischen Koranedition anhand der frühen Handschriften, damit die Koranexegese sich nicht weiterhin ausschließlich auf den Kairiner Text von 1925 stützen müsste, von dem einfach – fälschlich – behauptet wird, er entspreche dem von Osman festgelegten Text.

Mittlerweile gibt es aber eine große internationale Forschergruppe aus einer ganzen Reihe von Disziplinen, die diese Fragen aufgreift und die Quellen kritisch untersucht. Diese wissenschaftliche Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten.

F: Herr Professor Ohlig, Sie haben auch versucht, historisch-kritisch über die Figur Propheten Mohammeds zu forschen. Hat es ihn tatsächlich gegeben?

A: Nachweisen lässt sich, dass die frühesten Münzprägungen mit dem Motto MHMT im Osten Mesopotamiens um 660 auftauchten, ihren Weg nach Westen nahmen und dort bilinguale Münzen geprägt wurden, in deren Mitte MHMT und am Rand in arabischer Schrift muhammad steht. Diese Münzen tragen eine christliche Ikonographie, z.B. immer wieder Kreuze, so dass muhammad offensichtlich, wie im Sanctus der Messe („hochgelobt sei, der da kommt ...“) als ein Prädikat Jesu verstanden wurde; muhammad heißt der Gelobte, Gepriesene oder der zu Lobende, zu Preisende. Dies entspricht auch dem Text der Inschrift im Felsendom, wo der Titel muhammad auf den Messias, Jesus, Sohn der Maria und Knecht Gottes bezogen ist, ebenso auf die Polemik des Johannes Damascenus gegen diese für ihn häretische Aussage. Später scheint sich dieses christologische Prädikat von seinem Bezugspunkt gelöst zu haben, so dass es auf den im Koran häufig angesprochenen, namenlosen Propheten bezogen und somit in der Gestalt eines arabischen Propheten historisiert werden konnte. Diese Historisierung ist ebenfalls, die früheste Quelle, von Johannes von Damaskus bezeugt, der von dem Pseudopropheten Mamed spricht. Erst danach konnten die reichhaltigen Erzählungen von diesem Mohammed die historischen Defizite auffüllen.

F: Nach ihren Erläuterungen bleibt nur ein Schluss, dass Mohammed als historische Figur, wie sie heute bekannt ist, nicht existierte. Und er wurde erst im 9. und 10. Jahrhundert zu dem, was er ist?

A: Es ist durchaus möglich – wenn auch bisher nicht historisch erweisbar -, dass es am Anfang oder auch an einer anderen Stelle in der Geschichte der koranischen Bewegung einen wichtigen Prediger gegeben hat. Nach dem Zeugnis der arabischen Münzen oder z.B. der Inschrift im Felsendom aber muss angenommen werden, dass der Begriff muhammad, der Gelobte oder zu Lobende, ursprünglich ein christologischer Würdename war.

F: In Ihrem Buch „Der Frühe Islam“ schreiben Sie, dass Sie diese Religion nicht beschädigen wollen. Viele Muslime sehen das sicherlich anders, sie werden ihre Forschung eher als Angriff empfinden. Was können Sie ihnen entgegenhalten?

A: Die Aufklärung wurde seit dem 18. Jh. von vielen Christen – von manchen bis heute – als Angriff und Destruktion ihrer Religion empfunden und angesehen. In Wirklichkeit aber hat sie es dem Christentum ermöglicht, in der Moderne zu bestehen und auch für moderne Menschen lebbar zu sein. Diese Schritte hat der Islam noch vor sich, aber sie sind auch für ihn unausweichlich, wenn er eine Zukunft nicht nur in ghettohaft abgeschlossenen Gesellschaften haben will.

F: Gerade heute sieht es nicht so aus, als würde es viel Bereitschaft für eine Aufklärung in muslimischen Ländern geben. Warum hat dort noch keine Aufklärung stattgefunden?

A: Vom 9. bis zum 11. Jh., mit einer Nachblüte in Spanien, sind in den islamischen Gesellschaften bedeutende kulturelle Entwicklungen festzustellen, in Philosophie, Medizin, Mystik, „Natuwissenschft“ usw. Danach begann eine Phase der Regression. Unter der Vorherrschaft traditionell-rechtlichen Denkens konnten diese Ansätze nicht fortgeführt werden. Die Konfrontation mit der europäisch-christlichen Welt seit den Zeiten von Kolonisation und Imperialismus hat eine Rezeption des aufgeklärten Denkens schwierig gemacht, weil sie mit dem Makel des Unislamischen einherging und –geht. In den islamischen Gesellschaften fehlt auch ein wichtiges Element der europäischen Aufklärung: ein Bürgertum. Aufklärung scheint zwar in der globalisierten Welt unausweichlich, aber sie wird anders verlaufen als in Europa, dort aber, im Euro-Islam, wohl ihren Anfang nehmen. Aber auch in der islamischen Staatenwelt wird sie, mit zunehmender Alphabetisierung auch der Frauen, durch die Zwänge des Wirtschaftens und die mediale Präsenz der ganzen Welt und den Zugang zu allem verfügbaren Wissen, das Denken verändern. Über die zu erwartenden Zeitperspektiven kann man nur spekulieren.

F: Strenggläubige Christen sind von Ihren Forschungsergebnissen sicherlich hoch erfreut. Sie können nun behaupten, das Christentum ist die eigentlich richtige, wahre Religion.

A: Bei historischen Untersuchungen geht es nicht um die religiöse Wahrheitsfrage. Zudem gibt es keine Religion, die vom Himmel gefallen ist. Alle sind aus Vorgängerreligionen entstanden, so z.B Taoismus und Konfuzianismus aus der chinesischen Reichsreligion, Hinduismus und Buddhismus aus der vedischen Religion, die jüdische Religion setzt die ganze kulturelle und religiöse Tradition des Alten Orients voraus, das Christentum die jüdische Mutterreligion, der Islam das syrische Christentum. Im Ergebnis sind somit alle Religionen vielfältig bedingt und vereinigen in sich synkretistisch viele traditionelle Motive, Erzähltraditionen, Kultbräuche, ethische Auffassungen, Institutionen usf.