Samstag, 29. Dezember 2007

Weingenuss – ein Privileg der Seligen?

Gemäss dem Koran und dem islamischen Recht ist Muslimen der Genuss von Alkohol verboten. Die Mehrzahl hält sich an diese Vorschrift – aber sogar in glaubensstrengen Ländern wie Iran oder Saudiarabien blüht der Schwarzhandel mit Spirituosen.

Dem Bürgermeister der marokkanischen Stadt Meknes war nicht ganz wohl bei der Sache. Er stand zwischen Weinfässern, die mit Kerzenleuchtern dekoriert waren, und die Kellner servierten zu Häppchen Alkohol. Für Boubker Beloukra, Mitglied der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), eine arge Geduldsprobe. Er hätte das «Festival der Reben», das ausgerechnet am Tag des Freitagsgebets und am alljährlichen Gedenktag der Rückkehr König Mohammeds V. aus dem Exil stattfand, am liebsten abgesagt. Aber der Bürgermeister musste sich fügen. Das Reben-Festival ist Teil einer Werbekampagne der regionalen Tourismusbehörden, um mehr ausländische Besucher in die Gegend zu bringen und den marokkanischen Wein populärer zu machen. In Meknes und Umgebung wachsen 70 Prozent aller Rebstöcke Marokkos. Auf insgesamt 12 000 Hektaren produziert das Königreich 400 000 Hektoliter oder 33 Millionen Flaschen jährlich. Etwa 20 Prozent davon werden ins Ausland exportiert.

Marokko ist als Weinproduzent unter arabischen Ländern kein Einzelfall. In Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Tunesien und bald auch in Syrien wird ebenfalls Wein angebaut. Zusammen beläuft sich die Produktion auf 1,3 Millionen Hektoliter oder 146 Millionen Flaschen jährlich.

Paradies- oder Teufelstrank?

Für islamistische Parteien wie die ägyptischen Muslimbrüder oder die PJD in Marokko steht die Weinindustrie im Widerspruch zu den Prinzipien des Islam. «Alkohol ist für Muslime verboten», bestätigt ausgerechnet der Verkäufer in einem Spirituosengeschäft in Tanger, in dem von Bier über Wein bis zu Whisky und Wodka alles zu haben ist. «Gläubige Muslime trinken keinen Alkohol», fügt er, vermeintlich erklärend, mit einem breiten Schmunzeln hinzu, bevor er einem Kunden mehrere Dosen Bier einpackt. In dem kleinen Laden im Zentrum der marokkanischen Hafenstadt geht nur ein Bruchteil der 50 Millionen Liter Alkohol über die Theke, die laut einer Statistik der unabhängigen marokkanischen Wochenzeitung «TelQuel» jährlich im Königreich Mohammeds VI. getrunken werden. Offiziell warten auf Betrunkene, die in Bars, Restaurants, Diskotheken oder auf der Strasse aufgegriffen werden, bis zu sechs Monate Gefängnis und eine Geldstrafe von 150 bis 500 Dirham, was 22 bis 75 Franken entspricht.

Im Koran gibt es keinen Vers, der den Gläubigen den Genuss von Alkohol ausdrücklich verbietet. Gott lässt neben dem Getreide, den Ölbäumen, den Dattelpalmen auch Weinstöcke wachsen (Sure 16:10-11). Von den Früchten der Dattelpalmen und den Beeren einen Rauschtrank zu machen, ist ein Zeichen für Verstand (Sure 16:67), im Paradies warten Ströme von Wasser, Milch, Honig und Wein (Sure 47:15). Allerdings ist Alkohol, wenn man betrunken ist, hinderlich beim Gebet (Sure 4:43). Und in Sure 5:90-91 wird Wein als das Werk Satans bezeichnet, der nur Feindschaft und Hass aufkommen lässt.

So negativ Alkohol im Koran teilweise auch dargestellt wird, wirklich verboten (harâm) wird er dort nicht, wie dies bei Aas, Blut und Schweinefleisch der Fall ist (Sure 5:3). Dennoch hat sich im Laufe der Zeit bei der Mehrheit der islamischen Rechtsgelehrten die ablehnende Haltung in Bezug auf den Alkohol durchgesetzt. Nach islamischem Recht (Scharia) wird Alkoholkonsum nun als Sünde betrachtet, obwohl es auch eine andere Auslegung geben könnte. Darauf berufen sich all jene Muslime, die nach Feierabend auf ein Bier oder auch mehrere nicht verzichten wollen. Gerne wird auch auf die persische und arabische Dichtungstradition verwiesen, die von einem toleranten Islam in vergangenen Zeiten berichtet und den Weingenuss preist. In der persischen Lyrik ist Hafis der wohl berühmteste Vertreter dieser Dichtung, unter arabischsprachigen Autoren war der ebenfalls in Persien geborene Abu Nuwas (750–819) ebenso berühmt wie berüchtigt. Er zeigte sich gleichermassen von Wein und Knaben begeistert: «Für junge Knaben liess ich die Mädchen zurück / Und alter Wein vertreibt den Gedanken von klarem Wasser aus meinem Kopf.»

Zur religiösen Begründung des Alkoholverbots dienen die Hadithe, die von Zeitzeugen mündlich überlieferten Aussprüche des Propheten Mohammed. Sie wurden rund 150 Jahre nach dem Tod Mohammeds (570–632) zusammengetragen und aufgeschrieben; zu den bekanntesten Hadith-Sammlungen zählt diejenige von al-Bukhari. Einer dieser Hadithe erzählt von Umar ibn al-Chattab, einem Weggefährten des Propheten und späteren Kalifen, der Wein geschenkt bekam und nicht wusste, was er damit tun sollte. «Aber wenn es verboten ist, ihn zu trinken, zu verkaufen und zu verschenken, was mache ich damit?» Der Prophet antwortete: «Geh nach draussen und zerschlage die Flaschen auf einem Stein.»

Trinken trotz Verbot

Für den Verkauf und Konsum von Alkohol gibt es keine einheitliche rechtliche Regelung. In einigen islamischen Ländern ist Alkohol offiziell nur Touristen vorbehalten, in anderen wiederum der Allgemeinheit zugänglich. Per Gesetz verboten ist Alkohol in Saudiarabien, Kuwait, Iran, im Sudan oder auch in Libyen. Getrunken wird aber trotzdem, selbst in Saudiarabien, das strenge Strafen für Vertrieb und Konsum von Alkohol vorsieht. Reiche Saudis können sich problemlos teure Spirituosen beschaffen. Eine besondere Vorliebe sollen sie für jordanischen Wein haben. Es vergeht fast kein Tag, an dem die saudische Polizei nicht eine illegale Alkoholdestillation aushebt. Die sechs Millionen Billig-Gastarbeiter aus dem asiatischen Raum – Philippinen, Indien, Sri Lanka, Bangladesh und Pakistan – brauen sich ihren eigenen Fusel und verkaufen ihn weiter. Selbst im theokratischen Iran muss man auf seinen Whisky oder Wodka nicht verzichten: Jugendliche verdingen sich als illegale Alkoholkuriere.

Problematisch wird es in muslimischen Ländern an religiösen Feiertagen wie dem Geburtstag des Propheten, dem grossen Opferfest und natürlich im heiligen Fastenmonat Ramadan. In dieser Zeit gilt der Genuss von Alkohol als besonders schändlich und sündhaft. In Marokko, Syrien oder Tunesien sind vor dem Beginn der Feiertage die Bars voll, die Geschäfte, die Alkohol verkaufen, machen in diesen Tagen Rekordumsätze. Vor Tagen der Abstinenz will man noch einmal richtig geniessen. Natürlich trinkt nicht jeder Muslim Alkohol. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist für Marokko 1,0, für Saudiarabien 0,6 oder für Pakistan 0,3 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr aus. Die Dunkelziffer liegt jedoch weitaus höher. Alkoholkonsumenten kommen aus besser verdienenden Kreisen, gleichzeitig aber auch aus den untersten Schichten, für die Alkohol ein Mittel des Vergessens ist.

Für die meisten Muslime bleibt Alkohol etwas Negatives. So waren junge Studenten, die ins Goethe-Zentrum von Tanger kamen, um deutsche Fernsehprogramme zu sehen, allesamt über die Alkoholwerbung entsetzt, in der Bier als gesund und vitaminhaltig angepriesen wurde. Völlig ungläubig schüttelten sie den Kopf, als wollte man sie mit einer präparierten Videokassette auf den Arm nehmen. Erst als jemand einige Male den Kanal wechselte, waren sie von der Authentizität der Bilder überzeugt. Aber noch lange nicht von der positiven Auswirkung von Bier auf den menschlichen Organismus.

Aus: NZZ vom 27.12.2007

Freitag, 21. Dezember 2007

Nirgend Zuhause: Leben in Marokko

Seit acht Jahren wohne ich in der marokkanischen Hafenstadt Tanger, unterbrochen von zwei Jahren in Beirut, der Hauptstadt des Libanons. Für viele lebe ich in der Höhle des Löwen, geht man von gängigen Vorurteilen über den Islam aus, der gewalttätig, diktatorisch, unmenschlich und was weiß ich noch alles sein soll.

In meiner näheren Umgebung gibt es drei Moscheen, deren Muezzins fünfmal am Tag, selbstverständlich auch frühmorgens, zum Gebet rufen. Vielleicht sollte ich mich über den nächtlichen Lärm einmal beschweren oder auch über ein zu hohes Minarett, wie es in Deutschland bei Moscheenneubauten gemacht wird. Aber ich bin, ehrlich gesagt, noch nie auf den Gedanken gekommen. Ich fühlte mich von den Menschenansammlungen beim Freitagsgebet weder gestört noch eingeschüchtert. Im Gegenteil, die Moscheenbesucher, frisch herausgeputzt und in Festtagskleidung, machen stets einen gelassenen, zufriedenen Eindruck. Nach dem Gebet gehen sie nach Hause zum Mittagessen mit der Familie, nicht anders als Christen nach dem Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen.

Auch von Islamisten fühle ich mich nicht bedroht, obwohl es rein rechnerisch in einer fast zu 100 Prozent muslimischen Gesellschaft wesentlich mehr Radikale geben müsste als in Deutschland, wo nur 3,9 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Außer zwei Begegnungen, die man als religiös feindlich einstufen könnte, passierte mir innerhalb von knapp zehn Jahren nichts. Ein Taxifahrer wollte unter keinen Umständen das Fahrgeld aus meiner Hand nehmen, um sich nicht mit einem Ungläubigen zu beschmutzen. Ich musste die Münzen kurzerhand auf dem Sitz liegen lassen. Das zweite Mal wurde ich auf der Straße von einem bärtigen Herrn ganz in Weiß als dekadenter Westler beschimpft. Beides letztlich keine besonders einschneidenden Vorfälle.

In all den Jahren verlangte niemand von mir, ich müsse Arabisch lernen, die Kultur des Landes oder den Islam studieren. Niemanden kümmert es, wo ich wohne. Keiner wirft mir Ghettobildung oder mangelnde Integration vor, weil ich mich öfter mit Christen als mit Muslimen treffe. Niemand fordert mich auf, zum Islam zu konvertieren. Die Polizei behandelt mich zuvorkommend, auch meine nichtchristlichen Arbeitgeber und Kollegen tun das. Ich kann so viel Alkohol trinken, wie ich will, tanzen gehen bis in den frühen Morgen und bekomme die neuesten Kinofilme auf DVD, noch bevor sie in europäischen Kinos anlaufen. Meine Frau liegt am Strand im Bikini, muss kein Kopftuch tragen oder andere Kleidungsvorschriften beachten, sei es privat oder in der Arbeit. Jeder will unser Kind in den Arm nehmen oder auf die Wange küssen, weil es so ungewöhnlich blond, nett und freundlich sei.

Niemand sagt: Schon wieder ein Christ oder Ausländer mehr!

Die Aufenthaltsgenehmigung ist in Marokko oder dem Libanon relativ leicht zu erhalten, Kultur- oder Sprachtests gibt es nicht, noch muss ich meinen Integrationswillen sonst irgendwie beweisen. Das Einwanderungsverfahren ist wesentlich unkomplizierter als die Prozeduren, die man bei uns zu durchlaufen hat. Man fühlt sich als Ausländer oder Fremder willkommen und akzeptiert. Mit Integration hat dies nichts zu tun. Dazu müsste ich schon zum Islam konvertieren und eine marokkanische Frau heiraten. Aber wer will das schon? Ich auf keinen Fall. Islam und Integration sind nicht meine Kragenweite. Ich bin froh, dass man mich in Marokko in Ruhe lässt und keinerlei Ansprüche an mich stellt.

Das gibt dem Leben einen Grad von Ungezwungenheit. Ich stehe außerhalb der marokkanischen Gesellschaft, ihrer Kultur und Religion, gleichzeitig auch weit entfernt von meiner eigenen, deutschen oder europäischen. Ich habe gelernt, dies als Luxus zu empfinden: zwischen allen Stühlen, ohne Referenzrahmen, nirgends dazuzugehören. Meine Identität könnte man als ein Konglomerat verschiedenster Ingredienzien beschreiben, die aus vielen Ländern stammen. Zu den Momenten, in denen ich mich am wohlsten in Tanger fühle, gehören die Mittagessen am Sonntagnachmittag auf unserer Terrasse. Die Gäste kommen in der Regel aus fünf, sechs oder mehr Ländern: Spanien, Deutschland, Marokko, den USA, Frankreich, Kolumbien, Belgien, Kuba, Algerien oder Nicaragua. Ein erfrischendes Gemisch aus Sprachen, Ansichten und Kulturen. Es wird viel gegessen und getrunken, mit vollem Bauch bis in den Abend hinein Salsa getanzt. Heimat, das Fremde, Ausländer, Einheimische, mein Land und dein Land erscheinen dabei als abstruse Begriffe.

Es sind auch die kleinen Dinge des Lebens, deren Verschwinden in Deutschland so oft beklagt wird, die das Leben in Marokko angenehmer machen. In meiner Nachbarschaft gibt es keine Anonymität. Wenn ich nur ein, zwei Tage weg bin, erkundigt man sich, ob alles in Ordnung sei. Beim Lebensmittelhändler kann ich einkaufen, selbst wenn ich kein Geld habe. Sollte ich Hilfe bei Arbeiten im Haus benötigen, gibt es mehr als einen Freiwilligen. Dem Polizisten, der mich anhält, weil ich bei Rot über die Ampel fuhr, kann ich plausibel machen, warum ich in Eile war, und bezahle deshalb keine Strafe. Man wird nicht schief angesehen, wenn wir mit unserem Kind auch noch spät abends im Café oder Restaurant sitzen. Mit sentimentalem Romantizismus hat das nichts zu tun, der Alltag wird wesentlich erträglicher.

Der Reiz des Außergewöhnlichen verschwindet

Leben und Arbeiten in anderen Ländern über einen längeren Zeitraum ist etwas völlig anderes, als im Urlaub durch die Welt zu reisen, auf der Suche nach Exotik, nach dem Anderen, der Differenz zum Eigenen. Wer im Ausland lebt, für den verschwindet das Fremde sehr schnell. Je öfter und länger man woanders bleibt, desto resistenter wird man gegen exotische Verzauberungen. Man könnte es als eine Art Abstumpfungsprozess beschreiben. Die touristische Erwartungshaltung ist weg. Nichts hat den Reiz des Neuen mehr. Das Fremde ist Bestandteil des täglichen Lebens.

Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, wie schön beispielsweise der Weg von meinem Haus zur Hauptstraße ist, wo ich dann auf ein Taxi in die Stadt warte. Ich zwinge mich manchmal förmlich zum Blick auf die Meerenge von Gibraltar, die spanische Küste und die auf dem dunklen Wasser sich scheinbar im Zeitlupentempo bewegenden Schiffe. Dasselbe im Zentrum von Tanger am Platz der Kanonen, von dem man den Hafen und die Bucht der Stadt sieht. Momente der Vergewisserung, wo man lebt und wie schön es ist.

Wenn man sich nicht vorsieht, erzeugt Alltag Vergessen und zermürbt die Aufmerksamkeit für die Umgebung und die Menschen. In Deutschland ebenso sehr wie in Marokko oder anderswo. Verzauberungen, exotisch oder nicht, funktionieren bei mir nicht mehr selbstverständlich wie noch vor zehn Jahren. Die Aufenthalte in Marokko und dem Libanon, Reisen nach Syrien oder Katar veränderten den Blickwinkel und die Einstellung. Man erkennt den Relativismus von Kulturen, Lebensstilen, Religionen und Meinungen. Größere Toleranz ist ein Resultat davon. Gleichzeitig verschwindet jedoch das Besondere, Außergewöhnliche. Alles ist irgendwie gleich, ohne aber langweilig oder eintönig zu sein. Der Reiz besteht darin, Momente, Situationen zu erleben oder Menschen zu treffen, die einem zusagen. Man gewöhnt sich, alles so zu nehmen, wie es eben ist oder kommt. Überraschend ist selten etwas, höchstens interessant oder uninteressant.

Man könnte es als eine stoische Haltung bezeichnen, die für einige seltsam, ja komisch klingen mag. Fremd ist dadurch nichts mehr. Furcht vor dem Anderen und Unbekannten, Argwohn oder Hass dagegen, Liebe oder Faszination dafür treten weit in den Hintergrund. Als Beispiel hier vielleicht meine Fahrt ins libanesische Bekaa-Tal, die eigentlich als gemütlicher Sonntagsfotoausflug geplant war. Stattdessen landeten der Fotograf und ich im exterritorialen Gebiet der Mafia, genauer gesagt bei einem Glas Tee in der Küche eines Drogenbarons, der erst vor Kurzem von seiner Mutter und einigen Helfern gewaltsam aus dem Polizeigewahrsam befreit worden war. Bei unserer Fahrt ins Blaue, abseits der Hauptstraße, hatte unser Fahrer auf den unmarkierten Feldwegen völlig die Orientierung verloren. Wir waren in ein Terrain vorgedrungen, in dem man besser nichts zu suchen hat. Als Verdächtige eskortierte man uns in ein Dorf zu einem fünfstöckigen Haus, das zur Festung ausgebaut war. Im Untergeschoss befand sich die Garage, in der wir von einer schwer bewaffneten Wachmannschaft empfangen wurden. Die Männer trugen schutzsichere Westen, an denen mehrere Handgranaten hingen. Dazu Sturmgewehre, die sie entsicherten, als wir die Wagentüren öffneten. Wenig später mussten wir im obersten Stockwerk dem Chef Rede und Antwort stehen, wer wir seien und wohin wir wollten.

Nervosität oder andere Gefühlsausbrüche sind in dieser Situation unangebracht. Man kann sowieso nichts ändern. Man belässt es einfach dabei, wo man hineingeschlittert ist. Anstatt sich selbst emotional zu verzetteln, behält man einen klaren Kopf.

Eine Lektion, die sehr nützlich für den privaten und beruflichen Bereich ist. Nichts ist fremd, solange man es nicht dazu macht. Für mich eine sehr positive Sichtweise, die mir viel Ärger und Unmut erspart. In Marokko wird einem das fast täglich bewusst. Ob der Maler die falsche Wand mit der falschen Farbe bemalt, der Mechaniker einen Teil des Autos repariert, der gar nicht kaputt war, meine Schüler im Amerikanischen Sprachzentrum in Tanger Vorträge über Koranpassagen halten, die es nicht gibt, oder mir mein Nachbar das Glaubensbekenntnis zum Islam vorspricht, auf dass ich es wiederhole. Man zerbricht sich nicht mehr den Kopf darüber, warum die Menschen in dieser Kultur dieses und jenes machen oder auch nicht. Eigene Meinung hin oder her, man lässt es auf sich beruhen. Ein Pragmatismus, mit dem es sich besser lebt. Auf alle Fälle in Marokko.

Aus: www.culture-counts.de

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Al Qaeda in Algerien

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Al Qaeda im islamischen Maghreb wieder zuschlägt. Nach dem Selbstmordattentat vergangenenSeptember auf Präsident Abdelaziz Bouteflika, bei dem 22 Menschen ums Leben kamen, hatte die Organisation übers Internet mehrfach neue große Bombenattentate angekündigt. Dabei stand das Königreich Marokko ganz oben auf der Liste. Aber dort scheint es ungleich schwerer zu sein, Terrorpläne in die Tat umzusetzen. Es mangelt am Personal mit professioneller Ausbildung. Fast jeden Monat verhaften die marokkanischen Behörden Mitglieder einer Al Qaeda-Zelle. Viele davon kommen aus dem Ausland und versuchen über die Grenze zu Mauretanien einzureisen. Ingesamt wurden in den letzten vier Jahren über 50 Attentate auf Ziele im In- und Ausland vereitelt. Trotzdem gab es im März 2007 Anschlagsversuche in Casablanca und wenig später in Meknes, die allesamt scheiterten. Aber das war „die Handschrift von marokkanischen Amateuren“, wie der Kommunikationsminister Nabil Benabdallah urteilte. In Algerien dagegen sollen zwischen 600 bis 800 erfahrene Kämpfer der Salafistischen Gruppe für Verkündigung und Kampf (GSPC) für Attentate bereitstehen. Die GSPC gab im Januar 2007 offiziell ihren Anschluss an Al Qaeda im islamischen Maghreb bekannt. Ein neuer terroristischer Dachverband, dem auch militante islamistische Gruppen aus Tunesien (Islamistische Kampftruppe Tunesien GICT), Libyen (Libysche Islamische Kampftruppe GICL) und Marokko (Islamistische Gruppe Marokkanischer Kämpfer GICM) beitraten. Führer der Organisation soll eine gewisser Ahmed Haroun sein, der Abdelmalek Droukdel gewaltsam von der Chefposition vertrieben haben soll, der die Attentate im April 2007 in Algier (33 Tote) plante. In entlegenen, nur schwer zugänglichen Gegenden der Sahara werden verschiedene Ausbildungslager vermutet. Gerade der bergige Norden von Mali, mit zahlreichen Höhlen als Unterschlupf vor Spionagesatteliten, soll ein sicherer Aufenthaltsort sein. Nicht umsonst hat die US-Armee in Afrika eine „Anti-Terror-Task-Force“ eingerichtet. Die Basis der 1500 Mann starken Truppe liegt am Horn von Afrika, in Dschibuti. Bei regelmäßigen Manövern jagt man Terroristengruppen von Mauretanien aus, durch Mali und Niger bis in den Tschad. Gleichzeitig arbeiten die USA mit den Regierungen von Marokko, Algerien und Tunesien in einer Trans-Sahara-Partnerschaft, um eine Ausbreitung des Terrorismus zu verhindern.

Mittwoch, 28. November 2007

Tanger ohne EXPO 2012

In Tanger gab es lange Gesichter, als das Abstimmungsergebnis des zweiten Wahlgangs aus dem Palais des Congres in Paris bekannt wurde. In der marokkanischen Hafenstadt hatte man sich auf ein großes Fest eingestellt. Enttäuscht saßen die Menschen in den Cafes vor den Fernsehern und die Taxifahrer hatten schlechte Laune. Tanger bekam nur 63 Stimmen der insgesamt 140 Mitgliedsländer des Internationalen Büros für Ausstellungen (BIE). Yeosu, der Konkurrent aus Südkorea, erreichte dagegen 77 und wird von Mai bis August 2012 die drei Monate dauernde Weltausstellung ausrichten. Die polnische Stadt Wroclaw war bereits in der ersten Runde mit nur 13 Stimmen ausgeschieden.

Das Thema der südkoreanischen Stadt lautet „Der lebende Ozean und die Küste: Vielfalt der Ressourcen und nachhaltige Aktivitäten“. Ein Umweltthema, über das in den letzten Monaten in Zusammenhang der Erderwärmung weltweit diskutiert wurde. „Die Expo 2012 in Yeosu wird Lösungen für die Probleme des Klimawandels und den Anstieg des Meeresspiegels finden“, erklärte der südkoreanische Premierminister Han Duck-soo. Die momentane Aktualität der Problematik gab sicherlich nicht den Ausschlag für die Wahl Südkoreas. In den letzten Wochen und Monaten tourten Vertreter der Expo aus Yeosu durch die Mitgliedsländer der BIE, um sie von der Bewerbung Südkoreas zu überzeugen. Dafür gab es „nationale Unterstützung auf allen Ebenen“, wie der Premier Han Duck-soo versicherte, der zur entscheidenden Wahl nach Paris mit einer 50-köpfigen Entourage angereist war, um quasi in letzter Minute noch Lobbyismus zu betreiben. Zu dieser Überzeugungsarbeit gehören großzügige Geschenke, Reisen, verschiedenste Projektförderungen oder Vergünstigungen bei Handelsabkommen. Das wirtschaftliche Potential Südkoreas ist bekannt und dem der Expo-Mitbewerber Marokko und Polen weitaus überlegen.

Für das asiatische Land und die Stadt Yeosu rentieren sich die Investitionen im Vorfeld der Expo, sollten sie auch in die Millionen gehen. Rund 90.000 neue Arbeitsplätze werden von der Weltausstellung erwartet, dazu acht Millionen Besucher und ein Gewinn für die Ökonomie von über einer Milliarde Euros.

Einen finanziellen Input, den man in Marokko und Tanger auch gerne gesehen hätte. Mit dem Thema „Wege der Kulturen“ dachte man den Nerv der Zeit zu treffen: Für eine bessere Verständigung zwischen dem Westen und dem Orient. Die Expo 2012 hätte gut zur wirtschaftlichen Neustrukturierung gepasst, die im nordafrikanischen Staat gerade vollzogen wird. Die legendäre Hafenstadt Tanger ist das Zentrum dieser Neugestaltung, die auf Tourismus und Industrie ausgerichtet ist. In der Nähe Tangers wurde im Juli einer der größten Containerhafen am Mittelmeer eröffnet. Der Renault-Nissan-Konzern baut eine Autofabrik, die jährlich 400.000 Wagen produzieren soll. An der Atlantikküste entstehen neue Luxus-Wohnkomplexe, zu einem Preis von je 400 Millionen Euro. Im nächsten Jahr soll mit dem Bau des Gibraltartunnels begonnen werden, der laut Plan 2025 in Betrieb geht und Afrika mit Europa verbindet. Im Schnellzug dauert dann die Fahrt von der südspanischen Stadt Sevilla in die marokkanische Hafenstadt eineinhalb Stunden.

Die Bewohner Tanger sehen die Expo-Niederlage in Paris mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Die finanziellen Vorzüge wären willkommen gewesen, nur die Preissteigerungen von Immobilien und Lebenshaltungskosten bei gleich bleibenden Gehältern sah man mit großer Skepsis, ja mit Furcht.

Sonntag, 25. November 2007

Libanon weiter ohne Präsident/ Parteien rüsten militärisch auf

Am vergangenen Freitag konnten sich Regierung und Opposition im Libanon erneut auf keinen Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten einigen. Die Pattsituation zwischen Regierung und Opposition scheint unüberwindlich. 18.000 Soldaten der libanesischen Armee sind in Beirut stationiert, um gewalttätige Konfrontationen zu verhindern. Sowohl Regierung- und Oppositionsgruppen haben in den vergangenen Monaten militärisch aufgerüstet und Übungen durchgeführt.

Am Freitag um Mitternacht musste Emile Lahoud seine Sachen packen und nach neun Amtsjahren den Präsidentenpalast in Beirut räumen. Erfolgreich kann man seine Regierungsperiode nicht unbedingt nennen: vier seiner Militärs sitzen wegen einer angebliche Beteiligung am Attentat auf Rafik Hariri im Gefängnis. Insgesamt wurden 12 politische Anschläge begangen, von denen bisher keiner aufgeklärt ist. Das Land befindet sich in einer gefährlich gespannten politischen Situation, in der kein Nachfolgepräsident gewählt werden kann. Weder die Regierungskoalition unter Premierminister Fuad Siniora, noch das Oppositionsbündnis der christlichen Freien Patriotischen Front mit Michel Aoun und der schiitischen Hisbollah sind zu einem Kompromisskandidaten für das Präsidentschaftsamt bereit.

Der 71-jährige Lahoud übergab den Oberbefehl an die libanesische Armee weiter. „Außergewöhnliche Umstände und die Interessen des Landes“, hätten den Ex-Präsidenten dazu veranlasst. Die momentane Situation berge ein großes Risiko und könne zur Erklärung des Ausnahmezustands führen, sagte Rafik Shalala, der Sprecher Lahouds. Premierminister Siniora nannte den Schritt Lahouds als „verfassungswidrig“.

In den vergangenen Tagen und Wochen hatten internationale hochrangige Vermittler vergeblich versucht, die Regierung und Opposition zu einer Lösung zu bewegen. Darunter der UN- Generalsekretär Ban Ki-moon oder zuletzt auch der französischen Außenminister Bernard Kouchner. Der UNO-Chef Ban Ki-moon zeigte sich sehr besorgt über die fragile politische Lage im Libanon und rief alle Parteien auf, friedlich und demokratisch eine Lösung zu finden. Aber die ist noch lange nicht in Sicht. Die Regierungskoalition will unter keinen Umständen der Opposition ein Mitsprache-, geschweige denn ein Vetorecht im Kabinett geben. Nach fast einem Jahr von Protesten, Sit-ins, Demonstrationen und einem Zeltlager vor dem Palast des Premierministers Siniora möchte die Opposition nicht einfach klein beigeben. Sie fordert nach wie vor eine nationale Einheitsregierung und das Amt des Präsidenten, der laut Verfassung ein Christ sein muss. Seine Wahl wurde auf den 30. November verschoben.

In Beirut sind große Plakate angebracht worden, die einen finster drein blickenden Mann zeigen, der ein Maschinengewehr in der Hand hält. Darunter steht in Arabisch, als Anspielung auf den libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990): „Bevor es sich wiederholt“. FOTO gibt’s hier:
Tatsächlich war der Libanon seit Ende des Bürgerkriegs 1990 noch nie so nahe an der Schwelle zu gewalttätigen Auseinadersetzungen wie heute.
Alle an der politischen Krise beteiligten Gruppen und Parteien haben sich bereits darauf eingestellt, dass es zu keiner „friedlichen und demokratischen Lösung“ kommt, wie es der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon gefordert hat.
Im Libanon wird auf allen Seiten, wie im Jahr vor dem libanesischen Bürgerkrieg, wieder militärisch aufgerüstet.

Zwei Mitglieder der christlichen Freien Patriotischen Front von Ex-General Michel Aoun wurden im Oktober dieses Jahres verhaftet, weil sie andere Mitglieder militärisch ausgebildet hätten. Die libanesischen Sicherheitsbehörden veröffentlichten ein Foto von einem Christen, der eine Kalaschnikow in der Hand hielt. Die Partei Aouns erwiderte, „die Mitglieder wollten nur Spaß haben mit echten Waffen, aber niemand habe ein militärisches Training absolviert“.

Auch Saad Hariri, der Sohn des ermordeten libanesischen Ex-Premierministers Rafik Hariri, dementierte, er habe eine eigene Miliz ins Leben gerufen. Dabei wurden Anhänger von Saad Hariri und seiner Zukunftsbewegung im April dieses Jahres beobachtet, wie sie im damals umkämpften Palästinenserlager Nahr-el-Bared auf Al-Qaeda –Leute schossen. Die Hariri-Miliz soll 4500 Kämpfer umfassen und den Namen „Arabische Libanon Bewegung“ tragen.

Auch die Drusen unter Walid Jumblatt, dem Vorsitzenden der „Progressiven Sozialistischen Partei“, hielten im Januar 2007 militärische Übungen in den Chouf-Berger ab. Jumblatt gab sogar zu, dass Waffen gekauft wurden, aber von militärischem Training wollte er jedoch nichts wissen. „ Ich habe die Dörfer besucht“, sagte der Drusenführer, „und den Leuten gesagt, es sei unsinnig zu kämpfen. Gegen Hisbollah können wir nicht gewinnen, die sind einfach zu stark“.

Neben der Neubewaffnung und dem Training werden alte Strukturen reorganisiert. In christlichen und drusischen Dörfern in den Bergen werden Kommandanten ernannt, Einsatzzellen gegründet und Kommunikationsstrukturen ausgebaut.

Auch Hisbollah soll sich für einen möglichen neuen Bürgerkrieg rüsten. Seit dem Ende des 34-Tagekriegs mit Israel 2006 erfolgte eine intensive Rekrutierungswelle von neuen Soldaten. Sie sollen aber nicht an der Front eingesetzt werden, wo nur erfahrene und gut ausgebildete Guerillas kämpfen, sondern in den Städten und Dörfern hinter den Linien. Hisbollah soll ebenfalls eine große Anzahl kleinerer Waffen gekauft und an diese Reservisten weitergegeben haben, die nur im Strassen- und Nahkampf zu gebrauchen sind. Die Regierungskoalition unter Premierminister Fuad Siniora beschuldigte Hisbollah, Waffen an andere Gruppen der Opposition weitergeben zu haben.
Bei der erhöhten Nachfrage sind die Preise für Waffen auf dem Schwarzmarkt im Libanon deutlich gestiegen. Noch vor einem Jahr kostete eine AK-47 etwa 500 Dollar. Heute muss man dafür bereits 900 Dollar bezahlen. Eine nagelneue französische Famas kostet 3.700 Dollar.
Besonders auffallend sind allerdings Pistolen der Marke Glock, die wie aus dem Nichts plötzlich bei den Schwarzmarkthändlern zu haben ist. Für 1000 Dollar kann man eine dieser Qualitätswaffen erwerben.

Es ist zu vermuten, dass die Glock-Pistolen sowie andere Waffen im Libanon, aus dem Irak stammen. Das US-Militär hat dort rund 190.000 Gewehre und Pistolen ‚verloren’. Man hatte versäumt die Nummern der Waffen und die Namen der neuen Besitzer zu registrieren. Zu den verlorenen Gütern gehörten auch 125.000 Glock-Pistolen. Dass die Pistolen im Libanon landen, wäre wirklich keine Überraschung. Seit der US-Invasion bestehen Verbindungen zum Irak. Noch vor drei Jahren konnte man sich eine Fahrkarte für den Bus in den Irak kaufen, um dort gegen die USA zu kämpfen, versicherte mir ein Mann grinsend in Beirut, der natürlich seine Namen nicht preisgeben wollte. „Nachdem dies an die Öffentlichkeit kam, geht alles im Geheimen ab“, meinte der Informant. Eine ganze Reihe von Selbstmordattentätern, die im Irak starben, kam aus den libanesischen Städten Tripoli und Sidon. Einige der militanten palästinensischen Gruppen in den Flüchtlingslagern des Libanon unterhalten gute Beziehungen zu Al-Qaeda im Irak.
Es wäre wirklich kein Wunder, wenn die neu geschaffenen Milizen der Regierungs- und Oppositionsparteien mit Waffen aus US-Beständen auf einander schießen würden.

Donnerstag, 22. November 2007

Marokko im Aufbruch

Vom Platz der Kanonen im Zentrum Tangers hat man einen wunderbaren Blick auf die Meerenge von Gibraltar: Die ein- und auslaufenden Fähren im Hafen, die großen Containerschiffe, die sich wie im Zeitlupentempo auf dem dunkelblauen Meer vorwärts bewegen und natürlich auch auf die spanische Küste gegenüber, an der bei klarem Wetter die Stadt Tarifa zum Greifen nahe erscheint. „Ein Ausblick wie eine Qual“, hatte mir vor Jahren Mohammed Choukri, der 2003 verstorbene marokkanische Schriftsteller gesagt. Er meinte damit die jungen Marokkaner, die oft stundenlang sehnsüchtig auf das nur 14 Kilometer entfernte Spanien starrten, überzeugt, dass es dort für sie einen sicheren Arbeitsplatz mit gutem Einkommen, ein teueres Auto und eine geräumige Wohnung gäbe. Damals waren die Berufs- und Lebensaussichten für die meisten jungen Menschen in Marokko im wahrsten Sinne des Wortes trostlos.
Selbst für Universitätsabgänger, die nur im Ausnahmefall eine ihrer Qualifikation angemessene Anstellung bekamen. „Was sollen wir hier“, erklärten die Studenten am Goethe-Zentrum in Tanger resigniert, die 2000 oder 2001 dort Deutsch lernten. „Kein Job, keinen Zukunft, keine Familie, nichts“. Der Däfetismus und die Versuchung waren groß, es den etwa 3 Millionen Landsleuten gleich zu tun, die in Europa, in den USA oder Kanada leben. Heute, nur wenige Jahre danach, sieht alles etwas anders aus. Emigration ist für junge Marokkaner zwar noch immer eine Option, aber nicht mehr die dringendste. Mittlerweile beginnt man auch an eine Zukunft in Marokko zu glauben. „Wir warten erst einmal ab, wie sich das hier weiterentwickelt“, sagte Mounir, ein Ingenieurstudent an der Universität in Tanger. „Es hat sich ja viel zum Positiven verändert. Nach Spanien oder Frankreich kann man immer noch gehen“. Ein Sinneswandel, den früher niemand in Marokko für möglich gehalten hätte. Lieber heute als morgen weg, hieß ansonsten die Devise. Überzeugungsarbeit leisteten ausgerechnet die marokkanischen Behörden und Institutionen, die gewöhnlich einen schlechten Ruf haben: Korrupt, faul und desinteressiert an den Belangen der Buerger. Die Stadt Tanger wurde innerhalb nur eines Jahres (für marokkanische Verhältnisse eine unglaublich kurze Zeit) völlig neu renoviert und Tourismus kompatibel gemacht. Man legte neue Parks und Plätze an, Häuser wurden gestrichen, Strassen neu gepflastert und in Fußgängerzonen umgewandelt. Wer Tanger aus alten Tagen kennt, wird es heute kaum noch wieder erkennen. Die Einwohner sind sichtlich zufrieden mit den Veränderungen, selbst wenn die Neugestaltung auf die Bewerbung der Hafenstadt für die Expo 2012 zurückzuführen sein sollte. Soviel staatliche Aufmerksamkeit gab es seit Jahrzehnten nicht mehr. Stadtsanierungen finden im Übrigen auch in anderen marokkanischen Städten, wie Nador und Oujda im Nordosten oder auch in Safi, etwa 300 Kilometer südlich von Casablanca, statt. Die Entscheidung über die Vergabe der Expo fällt Anfang Dezember, wobei fraglich ist, ob sich Tanger tatsächlich gegen die Konkurrenten aus Polen (Wroclaw) und Südkorea (Yeosu) durchsetzt. „Die Expo ist nicht nur eine Chance für Tanger“, sagt Yussef, der einen Bazar in der Altstadt besitzt, „sondern für ganz Marokko. So können wir beweisen, dass wir modern sind und nicht hinterm Mond leben, wie viele in Europa glauben“. Sein Bruder Raschid nickt dazu mehrfach zustimmend. Es gäbe allerdings einen negativen Nebeneffekt. „Selbst wir Marokkaner“, beschweren sich beide, „können uns direkt in Tanger keine Wohnung, geschweige denn ein Haus noch leisten“. Die Immobilienpreise sind tatsächlich ins Unermessliche gestiegen. Vor fünf Jahren konnte man eine 150 Quadratmeter große Wohnung noch für 50.000 Euro kaufen. Heute muss man dafür das Dreifache bezahlen. Bei den Grundstückspreisen ist die Situation nicht anders. Was früher 20 bis 30 Euro kostete, kann, je nach Lage, von 400 bis 1000 Euro pro Quadratmeter kosten. Summen, die für den marokkanischen Normalverbraucher unerschwinglich sind. Dass die Preissteigerungen im Immobilienbereich auf die normalen Lebenshaltungskosten übergreifen, ist die große Sorge. „Wenn Wasser, Strom, die Mieten und die Lebensmittel teuerer werden“, sagte Abdillah, der Besitzer eines Lebensmittelladens gegenüber meinem Haus in Tanger, „das können sich die Menschen kaum leisten“. Er zeigt mir sein Buch, in dem er sorgfältig unter dem Familiennamen die Beträge aufgelistet hat, die man ihm schuldet. „Die Leute leben eh schon auf Kredit, den sie jeweils am Monatsende bezahlen, wenn das Gehalt kommt“. Was nicht immer geschehen würde, fügte er mit ernstem Gesicht hinzu. Hoffnung auf wirtschaftliche Verbesserung geben die Großprojekte in der Umgebung von Tanger. Im Gebiet der Atlantikküste und entlang des Mittelmeers entstehen neue Tourismuskomplexe für den gehobenen Standard. 600 Millionen Dollar soll alleine eine Luxuswohnanlage, mit Golfplatz, Swimmingpool, Einkaufszentrum kosten. Eines von rund 15 Großprojekten, die die Reichen und Schönen dieser Welt, an die Nordspitze Afrikas bringen sollen. Mohammed VI. hat versprochen, aus Tanger ein zweites Marbella zu machen. Investitionen kommen aus Spanien, Frankreich und vor allen Dingen den Vereinigten Arabischen Emiraten, die auch am 1,5 Milliarden teueren neuen Mittelmeerhafen, Tanger-Med, beteiligt sind. Im Juli 2007 wurde ein Teil des neuen Containerhafens bereits in Betrieb genommen. 2008 soll er ganz fertig sein, durch den dann jährlich 8,5 Millionen Container, sieben Millionen Passagiere und 700.000 Lkws geschleust werden sollen. Eingebettet ist Tanger-Med in ein 500 Quadratkilometer großes Industriegebiet, mit Freihandelszone und Duty Free Supermärkten. Der Konzern Renault-Nissan hat dort bereits mit dem Bau einer der größten Autofabriken im Mittelmeerraum begonnen. 400.000 Wagen sollen pro Jahr von 6000 Arbeitern produziert werden. Das Industriegebiet ist mit Autobahnzubringern und Bahnstrecken an Casablanca, Rabat, aber auch Marrakesch angeschlossen. Insgesamt sollen durch den Hafen und die Industriezone 140.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Wohnen sollen die neuen Arbeitskräfte im nur wenige Kilometer von Tanger-Med entfernt liegenden Ksar Shgir. Heute ein Dorf mit vielleicht 2000 Einwohnern. „Spätestens in zehn Jahren“, sagte Mohamed Hafnaoui von der Hafenverwaltung TMSA begeistert, „werden dort bis zu 800.000 Menschen leben“. Grund zur Euphorie gäbe es wirklich nicht, meinte ein Beamter der Regionsverwaltung Tanger, der seinen Namen nicht genannt haben wollte. „Natürlich gibt es mehr Arbeitsplätze, aber die Gehälter bleiben auf niedrigem Niveau. Wie üblich werden nur einige Wenige großen Profit machen und die Mehrheit bekommen letztlich nur Almosen“. Ganz ähnlich sieht es Mohammed Laroussi, ein Anwalt, der auf die Abwicklung von Immobilienverkäufen spezialisiert ist. „Was soll man dazu schon sagen, die ganze Sache ist weder besonders gut, noch besonders schlecht“. Es würde mehr Geld in Umlauf kommen, aber der Großteil bliebe bei den Unternehmern und Investoren. „Zu denjenigen, die es nötig haben, kommt nichts oder nur sehr wenig“, fügte der Mittfünfziger ernüchternd hinzu. Wirtschaftliche Prosperität ist das wichtigste für marokkanische Familien, von denen viele finanziell von Monat zu Monat, mache nur von Woche zu Woche planen können. Ziele sind eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus, ein Auto und eine gute Ausbildung der Kinder, um ihnen eine positive Zukunft zu sichern. Für Politik interessiert sich kaum jemand. Nicht umsonst lag die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen im September dieses Jahres bei nur 37 Prozent. So niedrig, wie nie zuvor in der Geschichte Marokkos. Etwas, das kaum jemand erwartet hatte. Dabei waren die Parlamentswahlen die zweiten freien Wahlen unter der Regentschaft Mohammed VI., die unter seinem Vater Hassan II. stets manipuliert worden waren. Das Vertrauen in die politischen Parteien ist gering. Nicht einmal in die islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), deren als sicher prognostizierter Wahlsieg nicht eintraf und sich mit 10.9 Prozent der Stimmen und 46 von insgesamt 325 Sitzen im Parlament zufrieden geben musste. Seit seiner Thronbesteigung 1999, nach dem Tod Hassans II., versuchte Mohammed VI. die Schatten der Diktatur seines Vaters zu vertreiben. Er entließ politische Gefangene und bat, teilweise persönlich, die politischen Exilanten nach Marokko zurückzukehren. 2004 trat ein neues Familienrecht in Kraft, das Frauen generell den Männern gleichstellte, ihnen die gleichen Rechte bei der Scheidung zusprach und ihnen Reisefreiheit gab, für die früher die Zustimmung des Ehemanns oder eines Vormunds nötig war. Außer Tunesien hat sonst kein arabischer Staat ein derartig progressives Familienrecht. Im gleichen Jahr setzte Mohammed VI. eine Versöhnungskommission ein, die im Stile von Südafrikas Wahrheitskommission die Menschenrechtsverletzungen in den „bleiernen Jahre“ unter Hassan II. untersuchen sollte. Legale Kompetenzen hatte diese Kommission nicht, ihr Zweck war Wiedergutmachungszahlungen an die Opfer zu bestimmen. Die Sitzungen dieser Kommission, die 22.000 Fälle von Mord, Folter und Vermissten untersuchte, wurden live im marokkanischen Fernsehen übertragen. Zurzeit wartet man auf eine Initiative des Königs, als erstes arabisches Land offiziell die Todesstrafe abzuschaffen. Seit 1999 gab es zum ersten Mal auch so etwas wie Meinungs- und Pressefreiheit. In Cafes und Bars wird heute jedes Thema diskutiert. Sicherheitsbeamter, die mitstenographieren gibt es nicht mehr. In Zeitungen und Magazinen kann man Geschichten über Homosexualität, Terrorismus und den König lesen, ohne dass eine Ausgabe wie früher sofort verboten und eingestampft wird. Trotzdem wurden Journalisten immer wieder verhaftet, zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt. Sie hatten über ‚Staatsgeheimnisse’, die Finanzen des Königs geschrieben oder wie im Falle eines Karikaturisten, Mohammed VI als Witzfigur gezeichnet. Überreaktionen eines bürokratischen Exekutivapparats, in dem teilweise noch Anhänger Hassan II. sitzen. An einigen Verfahren gegen Journalisten kann man sehen, dass das rigide Vorgehen von ganz Oben nicht erwünscht ist. In der zweiten Instanz, die obligatorisch für ein marokkanisches Gerichtsverfahren ist, wurden die Gefängnisstrafen aus der Erstinstanz, zu Geldstrafen reduziert. Ein Ding der Unmöglichkeit unter Hassan II. Natürlich beleiben die Behinderungen der Presse inakzeptabel. „Trotz allem muss man Marokko eines der liberalsten der arabischen Länder bezeichnen“, sagte Abdelhay Moudden, ehemaliges Mitglied der Versöhnungskommission und Professor für Politikwissenschaft an der Mohammed V. Universität in Rabat. „Wenn wir uns Marokkaner gut fühlen wollen, dann denken wir an den Vergleich mit anderen Staaten“, fügte er schmunzelnd an. Die Mehrheit der marokkanischen Bevölkerung hat, wie schon gesagt, ganz andere Sorgen. Sie hoffen und warten auf die positiven Auswirkungen der neuen marokkanischen Wirtschaftspolitik, die Staatsbetriebe, wie die Wasser- und Elektrizitätswerke, privatisierte und neue Wirtschaftszweige für ausländische Investoren öffnete. Am 1. Januar 2006 trat das Freihandelsabkommen mit den USA in Kraft. 2010 soll eine Freihandelskooperation (Euro-Mediterran-Vereinigung) mit der EU starten. Bis 2010 will Marokko die Zahl von bisher jährlich sechs Millionen Touristen auf 10 Millionen steigern. Mit all diesen Maßnahmen will man neue Arbeitsplätze schaffen. Jedes Jahr drängen etwa 400.000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Im Gegensatz zu den Europäischen Ländern kämpft Marokko (und andere arabische Staaten) mit einer immer jünger werdenden Bevölkerung. Laut Mustapha Mansouri, dem Minister für Arbeit, schafft Marokko in diesem Jahr 300.000 neue Arbeitsplätze. Immer noch 100.000 unter dem Soll, aber Zahlen, die sich sehen lassen können. Wichtigste Handelspartner Marokkos ist an erster Stelle Frankreich, gefolgt von Spanien. Als der spanische König Juan Carlos Anfang November Ceuta und Melilla, die beiden spanischen Exklaven auf marokkanischem Territorium besuchte, zog Marokko aus Protest seinen Botschafter aus Madrid ab. Diplomatisches Geplänkel muss man sagen, denn die Beziehungen zu Spanien sind so gut wie nie zuvor. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt 2004 war Premierminister José Luis Rodríguez Zapatero nach Marokko gereist, um das unterkühlte Verhältnis, für das sein Vorgänger Jose Maria Aznar verantwortlich war, zu beenden. Die vorher arbeitslosen spanische Fischerflotten durften ab sofort wieder vor der marokkanischen Küste fischen, im Gegenzug unterstützt Spanien den Anspruch Marokkos auf die Westsahara. Knapp 200 spanische Firmen haben sich im Laufe von 2007 in Marokko niedergelassen, darunter Industrie- wie Tourismusbetriebe. Im vergangenen Oktober kam der französische Präsident Nicholas Sarkozy mit einer 70-köpfigen Delegation zum Staatsbesuch nach Marokko. Insgesamt wurden 15 Verträge im Wert von 2 Milliarden Euros abgeschlossen. Eine Milliarde davon geht alleine in den Bau einer TGV-Schnellzugverbindung von Tanger nach Marrakesch. Für 200 Millionen Euro kauft Marokko zusätzlich 20 Lokomotiven von Frankreich und baut ein konventionelles Kraftwerk in der nordöstlich gelegnen Stadt Oujda, unweit der Grenze zu Algerien. „Energiequellen der Zukunft sollten nicht alleine eine Domäne der entwickelteren Länder sein, solange internationale Konventionen respektiert werden“, sagte Sarkozy vor dem marokkanischen Parlament in der Hauptstadt Rabat. Manch einer der Abgeordneten wird wohl gedacht haben, wie einfach es doch sein kann, Nuklearenergie zu bekommen - wenn man eben nicht der Iran ist. Im Falle von Marokko, das selbst immer wieder das Ziel von Anschlägen militanter Islamisten ist, muss sich der Westen über Solidarität keine Gedanken machen. Die USA unterhalten im Maghreb-Staat Militärbasen und aufwendige Horchstationen. Angeblich wurden auch nach Marokko, wie in anderen arabischen Ländern, US-Terrorgefangene zu Verhören eingeflogen. Die Verträge über die TGV-Bahnverbindung Tanger-Casablanca- Marrakesch sind auch ein Grundstein der Infrastruktur, die zum zukünftigen Tunnel unter der Meerenge von Gibraltar gehört. Nach Jahrzehnte langen Plänen haben sich Marokko und Spanien 2006 endgültig entschlossen, den Gibraltartunnel zu bauen. 2025 soll er eröffnet werden und die beiden Mittelmeerländer in Afrika und Europa verbinden. Dann kann ein spanischer Ingenieur in seiner Heimatstadt Sevilla leben und in Tanger arbeiten. Die Fahrt zwischen beiden Städten im Schnellzug dauert voraussichtlich nur eineinhalb Stunden. 90 Minuten später soll man von Tanger aus Casablanca erreichen und wiederum eine gute Stunde danach ist man in Marrakesch. Bereits 2013 soll die erste Teilstrecke zwischen Tanger und Kenitra eröffnet werden. Diese erste Schnellzugverbindung verkürzt die fünf Stunden Fahrtdauer von Tanger nach Casablanca auf zwei Stunden. Hundertprozentig sicher ist der Bau des Tunnels noch nicht. Es kommt auf die Studie der Schweizer Ingenieurfirma Lombardi an, die den Meeresboden untersucht und 2008 fertig sein soll. Der Eisenbahntunnel mit zwei Gleisen wirft weitaus größere Probleme auf, als der Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien. Das Mittelmeer ist mit 900 Metern weitaus tiefer und zudem der Meeresgrund weicher. Die kürzeste Verbindung (14 Kilometer) zwischen den Kontinenten Afrika und Europa kam deshalb nicht in Frage. Nun plant man den Tunnel mit einer Länge von 28 Kilometern in 200 Metern Tiefe zwischen Kap Malabta, am Rande von Tanger, und Punta Paloma, ganz in der Nähe Gibraltars. Wie man die großen Druckverhältnisse unter Wasser meistert, weiß man noch nicht genau. Man will die Fahrröhre 90 Meter tief in den Meeresboden einlegen. „Alles eine Frage des Geldes“, meint Mohamed Hafnaoui von der Hafengesellschaft Tanger-Med. „Alles ist möglich“, fügt er optimistisch mit einem Schmunzeln an. Ein offizieller Kostenplan wurde bisher noch nicht aufgestellt, aber es werden zwischen 6,5 Milliarden und 13 Milliarden Investitionen notwendig. Mohamed Hafnaoui ist überzeugt, dass der Tunnel schwarze Zahlen schreiben und kein Pleiteunternehmen wird, wie es die unterirdische Verbindung zwischen Frankreich und Großbritannien ist. Schließlich ginge es hier um das Nadelöhr zwischen Afrika und Europa, erklärt Hafnaoui weiter. „Das hat doch ganz andere Dimensionen“. Bis zur geplanten Eröffnung 2025 ist es allerdings noch ein langer Weg. Derartige gigantische Projekte verzögern sich gewöhnlich um Jahre und die Kosten gehen in unvorstellbare Höhen. „Ach, das kennt man doch“, sagen die beiden Brüder in ihrem Bazar in der Altstadt von Tanger. „Als ich noch klein war“, meint Youssef, „wurde schon vom Tunnel nach Spanien gesprochen und heute tun sie es immer noch“. Das würde doch nie etwas werden. „Außerdem brauchen wir den Tunnel doch gar nicht“, wendet sein Bruder Raschid ein. „Wir haben den neuen Hafen, bekommen mehr Tourismus und vielleicht auch die Expo 2012, so Gott will. Es geht doch überall aufwärts“.

Mittwoch, 21. November 2007

Christoph Luxenberg - Interview/ English

The Virgins and the Grapes: the Christian Origins of the Koran
A German scholar of ancient languages takes a new look at the sacred
book of Islam. He maintains that it was created by Syro-Aramaic
speaking Christians, in order to evangelize the Arabs. And he
translates it in a new way by Sandro Magister

That Aramaic was the lingua franca of a vast area
of the ancient Middle East is a notion that is by now
amply noted by a vast public, thanks to Mel Gibson’s
film “The Passion of the Christ,” which everyone watches
in that language.
But that Syro-Aramaic was also the root of the Koran,
and of the Koran of a primitive Christian system, is a
more specialized notion, an almost clandestine one. And
it’s more than a little dangerous. The author of the
most important book on the subject – a German professor
of ancient Semitic and Arabic languages – preferred, out
of prudence, to write under the pseudonym of Christoph
Luxenberg. A few years ago, one of his colleagues at the
University of Nablus in Palestine, Suliman Bashear, was
thrown out of the window by his scandalized Muslim
students.
In the Europe of the 16th and 17th centuries, mangled by
the wars of religion, scholars of the Bible also used to
keep a safe distance with pseudonyms. But if, now, the
ones doing so are the scholars of the Koran, this is a
sign that, for the Muslim holy book as well, the era of
historical, linguistic, and philological re-readings has
begun.

This is a promising beginning for many reasons.
Gerd-Rüdiger Puin, a professor at Saarland University in
Germany and another Koran scholar on the philological
level, maintains that this type of approach to Islam’s
holy book can help to defeat its fundamentalist and
Manichean readings, and to bring into a better light its
ties with Judaism and Christianity.

The book by “Christoph Luxenberg” came out in 2000 in
Germany with the title “Die Syro-Aramäische Lesart des
Koran” (“A Syro-Aramaic Reading of the Koran”),
published in Berlin by Das Arabische Buch. It is out of
print, and there are no translations in other languages.
But a new, updated edition (again in German) is about to
arrive in bookstores.

Here follows an interview from Alfred Hackensberger with
the author, published in Germany in the newspaper
“Süddeutsche Zeitung” and in
Italy in “L’espresso,” no. 11, March 12-18, 2004:

Q. – Professor, why did you think it useful to conduct
this re-reading of the Koran?

A. – “Because, in the Koran, there are many obscure
points that, from the beginning, even the Arab
commentators were not able to explain. Of these passages
it is said that only God can comprehend them. Western
research on the Koran, which has been conducted in a
systematic manner only since about the middle of the
19th century, has always taken as its base the
commentaries of the Arab scholars. But these have never
gone beyond the etymological explanation of some terms
of foreign origin.”

Q. – What makes your method different?

A. – “I began from the idea that the language of the
Koran must be studied from an historical-linguistic
point of view. When the Koran was composed, Arabic did
not exist as a written language; thus it seemed evident
to me that it was necessary to take into consideration,
above all, Aramaic, which at the time, between the 4th
and 7th centuries, was not only the language of written
communication, but also the lingua franca of that area
of Western Asia.”

Q. – Tell us how you proceeded.

A. – “At first I conducted a ‘synchronous’ reading. In
other words, I kept in mind both Arabic and Aramaic.
Thanks to this procedure, I was able to discover the
extent of the previously unsuspected influence of
Aramaic upon the language of the Koran: in point of
fact, much of what now passes under the name of
‘classical Arabic’ is of Aramaic derivation.”

Q. – What do you say, then, about the idea, accepted
until now, that the Koran was the first book written in
Arabic?

A. – “According to Islamic tradition, the Koran dates
back to the 7th century, while the first examples of
Arabic literature in the full sense of the phrase are
found only two centuries later, at the time of the
‘Biography of the Prophet’; that is, of the life of
Mohammed as written by Ibn Hisham, who died in 828. We
may thus establish that post-Koranic Arabic literature
developed by degrees, in the period following the work
of al-Khalil bin Ahmad, who died in 786, the founder of
Arabic lexicography (kitab al-ayn), and of Sibawwayh,
who died in 796, to whom the grammar of classical Arabic
is due. Now, if we assume that the composition of the
Koran was brought to an end in the year of the Prophet
Mohammed’s death, in 632, we find before us an interval
of 150 years, during which there is no trace of Arabic
literature worthy of note.”

Q. – So at the time of Mohammed Arabic did not have
precise rules, and was not used for written
communication. Then how did the Koran come to be
written?

A. – “At that time, there were no Arab schools – except,
perhaps, for the Christian centers of al-Anbar and
al-Hira, in southern Mesopotamia, or what is now Iraq.
The Arabs of that region had been Christianized and
instructed by Syrian Christians. Their liturgical
language was Syro-Aramaic. And this was the vehicle of
their culture, and more generally the language of
written communication.”

Q. – What is the relationship between this language of
culture and the origin of the Koran?

A. – “Beginning in the third century, the Syrian
Christians did not limit themselves to bringing their
evangelical mission to nearby countries, like Armenia or
Persia. They pressed on toward distant territories, all
the way to the borders of China and the western coast of
India, in addition to the entire Arabian peninsula all
the way to Yemen and Ethiopia. It is thus rather
probable that, in order to proclaim the Christian
message to the Arabic peoples, they would have used
(among others) the language of the Bedouins, or Arabic.
In order to spread the Gospel, they necessarily made use
of a mishmash of languages. But in an era in which
Arabic was just an assembly of dialects and had no
written form, the missionaries had no choice but to
resort to their own literary language and their own
culture; that is, to Syro-Aramaic. The result was that
the language of the Koran was born as a written Arabic
language, but one of Arab-Aramaic derivation.”

Q. – Do you mean that anyone who does not keep the
Syro-Aramaic language in mind cannot translate and
interpret the Koran correctly?

A. – “Yes. Anyone who wants to make a thorough study of
the Koran must have a background in the Syro-Aramaic
grammar and literature of that period, the 7th century.
Only thus can he identify the original meaning of Arabic
expressions whose semantic interpretation can be
established definitively only by retranslating them into
Syro-Aramaic.”

Q. – Let’s come to the misunderstandings. One of the
most glaring errors you cite is that of the virgins
promised, in the Islamic paradise, to the suicide
bombers.

A. – “We begin from the term ‘huri,’ for which the
Arabic commentators could not find any meaning other
than those heavenly virgins. But if one keeps in mind
the derivations from Syro-Aramaic, that expression
indicated ‘white grapes,’ which is one of the symbolic
elements of the Christian paradise, recalled in the Last
Supper of Jesus. There’s another Koranic expression,
falsely interpreted as ‘the children’ or ‘the youths’ of
paradise: in Aramaic: it designates the fruit of the
vine, which in the Koran is compared to pearls. As for
the symbols of paradise, these interpretive errors are
probably connected to the male monopoly in Koranic
commentary and interpretation.”

Q. – By the way, what do you think about the Islamic
veil?

A. – “There is a passage in Sura 24, verse 31, which in
Arabic reads, ‘That they should beat their khumurs
against their bags.’ It is an incomprehensible phrase,
for which the following interpretation has been sought:
‘That they should extend their kerchiefs from their
heads to their breasts.’ But if this passage is read in
the light of Syro-Aramaic, it simply means: ‘They should
fasten their belts around their waists.’”

Q. – Does this mean the veil is really a chastity belt?

A. – “Not exactly. It is true that, in the Christian
tradition, the belt is associated with chastity: Mary is
depicted with a belt fastened around her waist. But in
the gospel account of the Last Supper, Christ also ties
an apron around his waist before washing the Apostles’
feet. There are clearly many parallels with the
Christian faith.”

Q. – You have discovered that Sura 97 of the Koran
mentions the Nativity. And in your translation of the
famous Sura of Mary, her “birthgiving” is “made
legitimate by the Lord.” Moreover, the text contains the
invitation to come to the sacred liturgy, to the Mass.
Would the Koran, then, be nothing other than an Arabic
version of the Christian Bible?

A. – “In its origin, the Koran is a Syro-Aramaic
liturgical book, with hymns and extracts from Scriptures
which might have been used in sacred Christian services.
In the second place, one may see in the Koran the
beginning of a preaching directed toward transmitting
the belief in the Sacred Scriptures to the pagans of
Mecca, in the Arabic language. Its socio-political
sections, which are not especially related to the
original Koran, were added later in Medina. At its
beginning, the Koran was not conceived as the foundation
of a new religion. It presupposes belief in the
Scriptures, and thus functioned merely as an inroad into
Arabic society.”

Q. – To many Muslim believers, for whom the Koran is the
holy book and the only truth, your conclusions could
seem blasphemous. What reactions have you noticed up
until now?

A. – “In Pakistan, the sale of the edition of ‘Newsweek’
that contained an article on my book was banned.
Otherwise, I must say that, in my encounters with
Muslims, I have not noticed any hostile attitudes. On
the contrary, they have appreciated the commitment of a
non-Muslim to studies aimed at an objective
comprehension of their sacred text. My work could be
judged as blasphemous only by those who decide to cling
to errors in the interpretation of the word of God. But
in the Koran it is written, ‘No one can bring to the
right way those whom God induces to error.’”

Q. – Aren’t you afraid of a fatwa, a death sentence like
the one pronounced against Salman Rushdie?

A. – “I am not a Muslim, so I don’t run that risk.
Besides, I haven’t offended against the Koran”

Q. – But you still preferred to use a pseudonym.

A. – “I did that on the advice of Muslim friends who
were afraid that some enthusiastic fundamentalist would
act of his own initiative, without waiting for a fatwa.”

Dienstag, 20. November 2007

Nadia Yassine - Interview / English

Nadia Yassine is the leader of "Justice and Spirituality", Morocco's biggest Islamist organization. She belongs to a new generation of Islamists: western-educated but not westernized. Alfred Hackensberger interviewed her

The new Moroccan family code, the "Modawwana," has been praised as an historic step towards equal rights for women in the Arab world. Are you in favor or against it?

Yassine: We were already out on the streets six years ago calling for changes to the "Modawwana," as it has long been clear to us that women must enjoy a better role in society. There are many women in our movement running projects and institutions. Take me, for example. I am the spokeswoman for our movement. We support changes, but the necessary ideas don't have to be imported from the imperialist West.

Do you regard the new law as good or bad?

Yassine: Of course, it is good and important. There is no doubt about it. I will try to make our position clear in another way. If the "Makhzen" (the governing elite in Morocco) had not been sure that we supported the new law, they wouldn't have pushed it through. We gave them clear signals of our approval. Yet, the law does not go far enough and also ignores the realities of life in Morocco today. I'll give you an example. In the countryside, there are many unregistered marriages. People there younger than 18 continue to marry, although this is forbidden under the new law.

What should be done differently?

Yassine: It is all fine and good when you tell women that they are now free. But what about unemployment, which makes it impossible for women to be independent? Economic changes are not the only thing we need. There has to be a restructuring of all sectors of society. Only then can we truly achieve something positive.

Then you want to totally change everything. It sounds like an impossible undertaking.

Yassine: It's not as impossible as it might seem. The system is blocked by the current constitution.

You mean the system of constitutional monarchy?

Yassine: Yes, as soon as this is changed, there will be economic and social progress. You can't solve individual problems without looking at the whole picture, which includes women, the economy, and education. It is all one system. Movement can only come about through a change in the constitution.

So you get rid of the monarchy, you come to power, and all the problems are then solved?

Yassine: No, it is not as easy as that. We do not want to take over power. It is a much too heavy burden to carry alone. We have to work together with all political parties and all of the other forces in society. We need each other and only together can we solve the difficult problems of our country. And this can only take place through democracy, free elections, a multi-party system, the division of powers, and an independent judiciary. The people of Morocco have a right to democracy. But first, all forces in society must work together to change the constitution.

Many don't believe you.

Yassine: I know that quite well. They'd prefer to hear that we want to set up an Iranian republic and force all women to wear headscarves.

Then you wouldn't shut down all the nightclubs and bars?

Yassine: No, bans don't work. Prohibiting alcohol won't work. You only have to turn to the USA to see that the prohibition of alcohol only brought problems. You can never achieve anything through compulsion. In contrast, you can achieve much more with democracy and education. It is better to convince people that it is in their interest not to drink alcohol and visit nightclubs.

And when education doesn't deliver the desired effects?

Yassine: We'd have to see first, but I also don't think that it would be so tragic. I simply want a just society in which people are the main concern.

Do you have a paradigm? Perhaps back to the past, to the society at the time of the Prophet Mohammed?

Yassine: The society at the time of the Prophet comes very close to how I image things. But I also find the Swiss model very interesting. It would be difficult, however, because we don't have a culture of democracy here in Morocco. We have to first develop one. And this we can only achieve together with all of the other groups in society.

Many refer to what is currently going on between East and West as the "clash of civilizations," while others call it a North-South conflict. Is it a matter of politics or religion?

Yassine: Of course it is all about politics. What takes place in the Muslim world is directly related to American imperialism, which has no interest in our religion, but in our resources, our oil. It most certainly has nothing to do with a clash of cultures, differing ideologies, belief or non-belief. We are living through a new phase of colonialism, which nowadays is referred to as the search for new markets. Oil is a curse for many countries with a majority Muslim population. This is an anti-imperialist struggle against neo-colonialism. It doesn’t matter if one is Muslim or Christian – this is a universal problem.

Imperialism and colonialism are catchwords. In concrete terms, what is it that you find so reprehensible about the politics of the West?

Yassine: I think that imperialism is based on the desire for economic supremacy and on a materialist philosophy – a vulgar Darwinism that believes only the strongest must prevail. We want to build bridges between the North and South on the basis of civil society. Today, poverty is no longer only a phenomenon of the South. There is also poverty in the North. If things continue according to the law of the jungle, then we will end up with a future marked by a universal struggle between rich and poor.

Is there an Islamic economic model – an alternative concept to capitalism that could make the world a better place for all mankind?

Yassine: I think that Islam is more all-encompassing than any other ideology. Islam is a way of being. For us, as Sufis, Islam is a spiritual state that has nothing in common with the currently prevailing capitalism. At its very beginning, Islam ruled with sense of justice over a simple merchant capitalist society. It was an economic order that cannot be compared in the slightest to today's wild liberalism, which has created a system with the hyper-rich on one side and masses of poor on the other. We are not completely against capitalism. Islam, however, can provide it with a human and just dimension.